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Wie Facebook Bands kaputt macht


Falls ihr nicht gerade auf einem autarken Bauernhof lebt, wo Elektrizität als Teufelswerk gilt und ihr im Sommer Kartoffeln ernten geht, dann besitzt ihr sicherlich einen Facebook-Account und habt schon der ein oder anderen Band einen sogenannten „Like“ gegeben. Schade nur, dass dies der Band absolut nichts bringt.

Die Idee des Likes ist es zu zeigen, dass einem die Band gefällt und man ständig über Updates wie zum Beispiel die Ankündigung eines neuen Albums etc. informiert sein will. Hierzu tauchen die Statusupdates der Band in eurem Newsfeed auf. Eigentlich ein ziemlich einfaches Prinzip, doch wie so oft gibt es einen Miesepeter, der alles Schöne und Einfache kaputt machen muss: Und wie soll es auch anders sein, auch dieses mal ist wieder der Kapitalismus schuld.

Facebook und sein Terminator-Algorithmus

Aber rollen wir das Ganze mal von der Seite der Band auf. Angenommen ihr seid eine kleinere Band, die schon etwas rumgekommen ist. Ihr habt vielleicht so um die 5.000 Likes gesammelt, das heißt, dass eure Tourankündigung rein theoretisch über insgesamt 5.000 Smartphones, PC-Bildschirme und Tablets fliegen müsste. Die Realität sieht aber eher so aus, dass ein Post von euch gerade mal 100 – 200 Leute erreicht. Falls ihr in Mathe lieber aus dem Fenster geschaut und den Strebern das Milchgeld abgezogen habt: Das sind gerade einmal 2% Reichweite.

Doch woran liegt das? Statt euren Newsfeed einfach chronologisch, dass heißt in der Reihenfolge, in der Dinge gepostet werden, anzulegen, heuert Facebook ganze Armeen von Elite-Uni-IT-Spezialisten an. Diesen entziehen sie den Schlaf und mit einer Mischung aus fehlendem Privatleben und einer tödlichen Dosis Monster Energy programmieren diese Genies dann einen komplexen Algorithmus, der Beiträge nach Relevanz bewertet und weiß, was euch gefällt.

Reichweite einer Seite mit 5.000 Likes

Genau hier liegt das Problem: Faceook misst Relevanz dadurch, wie oft ein Beitrag geliked wurde, ob er kommentiert wird und wie oft er geteilt wurde. Je stärker die Interaktion, desto relevanter ein Beitrag, sprich desto höher die Reichweite. Je weniger Interaktion, desto weniger Reichweite bekommt der nächste Post usw. Klingt an sich fair, oder? Ist es aber nicht.

Das Problem

Zwar war die menschliche Spezies noch nie die hellste Schöpfung unter dem Himmel, doch seit dem Zeitalter von Snapchat, Twitter, Flappy Bird, Tinder und Co. sind wir so reizüberflutet, dass wir zu absoluten medialen Konsumzombies mutiert sind. Einen Beitrag mit mehr als 5 Wörtern oder Wörtern mit mehr als 7 Buchstaben lösen in uns sofort dieses juckende ADS-Gefühl aus. So suchen wir uns lieber leichte Unterhaltung und lassen uns davon berieseln. Ihr lacht vielleicht über die verballerten RTL-Zuschauer, die „Der Bachelor“ und „Schwiegertochter gesucht“ schauen, aber im Endeffekt seid ihr auch nicht viel besser, wenn ihr euch vorm Laptop durch Facebook wühlt und dabei über Katzenvideos lacht.

In dieser Umwelt gedeihen Internetgrößen wie Sami Slimani, DagiBee, Faktastisch, Heftig usw. Diese Krebszellen wachsen, da sie permanent sogenannten „Easy Content“ liefern. Leicht verdauliche Bilder und Inhalte mit einem witzigen Spruch, über den nichtmal euer 16 Jähriges Ich gelacht hätte. Trotzdem lasst ihr einen Like da. Habt ihr euch noch nie gefragt, wieso manche Seiten Memes einfach ins Deutsche übersetzen?

the browning meme

 

Deez Nuts Video

Das Ergebnis dieses „Survival of the Stumpfest“ ist, dass Seiten die wichtige Themen verbreiten als nicht relevant gelten, dementsprechend wenig Reichweite haben, und solche Seiten, die ständig nur medialen Müll durch unsere Newsfeeds jagen, bekommen eine hohe Relevanz, ergo viel Reichweite. Tut mir leid um deinen Traum als Musiker dein Geld zu verdienen, dein potentielles Publikum sieht statt deiner Ankündigung ins Studio zu gehen eher ein Post mit dem Inhalt „Eigentlich ein Geschenk: Eine Mutter hält ihr Baby im Arm. Doch bei ihr fließen bittere Tränen.“

An obiger Galerie sieht man übrigens sehr schön das Ungleichgewicht zwischen stumpfsinnigen Easy Content und einem wirklich relevanten Post. Deez Nuts besitzen übrigens 20.000 Likes mehr als The Browning

Geld verbrennen mit Facebook-Werbung

Doch warum tut Facebook das? Es ist eine Mischung aus Kapitalismus und „Arschlochkind sein“. Das soziale Netzwerk ist kostenlos und dementsprechend auf Werbeeinnahmen angewiesen. Ich bin glaube ich der letzte Mensch, der die harte Arbeit dahinter verleugnen würde und irgendjemand abspricht Geld zu verdienen. Doch bei dem sozialen Netzwerk wird das ganze ein wenig unfair, denn man begnügt sich bei Facebook nicht nur mit den Einnahmen von externen Werbepartnern, sondern nimmt auch gerne (viel) Geld von Seitenbetreibern, denen man im Gegenzug eine lächerliche Reichweitenerhöhung verspricht. Falls ihr mal schauen wollt, wie schnell Geld verbrennen kann, überweist einfach mal 50 Euro an Mark Zuckerberg, um seine Reichweite für einen (!) Post zu erhöhen. So ist es natürlich nicht verwunderlich, dass das Unternehmen im vergangenen Quartal 620 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet hat.

Das ausgefuchste an der Sache ist: Durch die Bewertung nach Relevanz zwingt Facebook Bands und Seitenbetreiber quasi dazu Geld zu zahlen, da sie sonst in der medialen Bedeutungslosigkeit versinken. In einer Zeit, in der sich fast unser komplettes Leben jedoch auf sozialen Netzwerken abspielt, können Musiker nicht mehr auf diese Form der Präsenz verzichten. So werden Bands gezwungen stumpfsinnig Memes und witzige Bilder zu posten, nur damit sie relevant bleiben und nicht von Facebooks gnademlosen Algorithmus hinten angestellt werden. Viele Bands, die bekannt werden wollen stehen nun also vor der quälenden Frage, ob sie nächste Woche etwas essen wollen, oder lieber 200 Personen auf Facebook erreichen wollen.

Drogendealer arbeiten übrigens nach genau dem gleichen Prinzip. Erst erzeugen sie Abhängigkeit in Form von kostenlosem Stoff und dann ziehen sie die Preise an.

Die Lösung

Einige Musiker wehren sich mittlerweile in Form einer Online-Petition. Die Erfolgsaussichten sind eher gering, den wieso sollte Facebook eine Multimillionen-Dollar-Maschine abstellen, nur weil irgendwelche Metalbands verzweifelt sind? Diplomatisch ausgedrückt ist es traurig, dass Facebook Bands ohne Marketingbudget (das sind locker 80% aller Bands) so nach unten drückt, um sich seine eigenen Taschen vollzuschlagen, obwohl gerade diese Bands Facebook eben den Traffic bescheren, der das Netzwerk ausmacht. Undiplomatisch ausgedrückt ist das eine riesengroße und beschissene Frechheit.

Was könnt ihr machen? Hört auf stumpfsinnigen Schwachsinn zu liken und entzieht damit solchen Müllseiten die Relevanz. Stattdessen solltet ihr den „Gefällt mir“ und „Kommentier“-Button bei Posts von Bands, die ihr unterstützen wollt, exorbitant nutzen. So schaffen es kleinere Bands wie Sylar, Vitja und Malevolence zu einer gewissen Relevanz und ihre Posts werden auch von ihren Fans gehört.

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