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ANNISOKAY: Interview mit Christoph und Rudi zum neuen Album AURORA


Mit Rudi, dem Neuzugang am Mirko, und Christoph, dem Gitarristen, Sänger und Mastermind von ANNISOKAY, sprachen wir über das neue Album AURORA und die Entscheidung, als Band auch deutlicher Stellung zu beziehen.

Wie geht es euch beiden? Es war ja gerade der Release von AURORA.

Christoph:
Für uns ist der Großteil des Stresses schon vorbei, wir sind ja mit dem Album schon länger fertig. Die Verzögerung lag auch nicht an uns, sondern an Lieferschwierigkeiten beim Vinyl, so dass wir jetzt nur dasitzen und uns denken: Wann kommt es nun endlich raus? Es gab auch Gerüchte, dass unser Album bereits vorab auf diversen russischen Seiten verfügbar war. Das ist natürlich auch nicht gerade förderlich für die ganze Situation. Wir haben auf den Tag gewartet, dass das Album in die Welt kann. Ansonsten hatte Rudi gerade Corona, ist aber wieder genesen.

Rudi: Ja, ich wurde positiv getestet, hatte Kontakt auf der Arbeit und mich dort angesteckt. Das Ganze hat sich dann über die Quarantänezeit entwickelt. Es war bei mir wie eine intensive Erkältung, hat sich dann aber lang hingezogen. Es war nicht so schlimm, dass ich ins Krankenhaus gemusst hätte, aber es war schon lästig. Mittlerweile hat sich das wieder gelegt, ich darf wieder raus und alles ist gut.

Christoph: Wir hatten uns vorher noch gesehen und mussten dann alle zum Test, die ganze Band war dann kurz in Quarantäne. Aber da können ja viele aus Erfahrung sprechen, das hatten schließlich nicht nur zehn Leute in Deutschland, da kennt wohl mittlerweile jeder jemanden, der das hatte. Jetzt haben wir gleich zu Beginn mit dem beschissenen Thema angefangen, ey! Aber wie soll man auf die Frage, wie es uns geht, auch sonst gerade antworten, haha! Wir haben jetzt noch mal ein Video gedreht, das war auch mit Masken und Abstand, sogar Schnelltests. Für ein Musikvideo, wo man eh immer an der Budgetkante kalkuliert, ist das nicht so leicht. Aber es kam noch vor dem Release eine Single raus und das wollten wir nicht einfach verpuffen lassen.

„Durch Playlisten ist es für Bands logischer, viele Singles zu veröffentlichen“

War das euer Plan, noch eine Single zu machen? Das waren demnach vier Auskopplungen aus dem Album, oder?

Christoph: Das waren insgesamt sogar sechs, haha! Sehr unkonventionell. Aber das hat verschiedene Gründe, wir haben da sehr früh angefangen und hatten eine Vorabsingle. Geplant war das aber nicht, aber durch die Verschiebung des Releases haben wir uns entschieden, noch eine zu machen. Also „The Tragedy“ ist da eingeschoben worden. Allerdings kommt der so gut an, dass ich da echt froh bin, dass wir das gemacht haben, denn das wäre sonst echt schade drum gewesen, wenn der keine Single geworden wäre. Jetzt teilen sich die Leute aber in zwei Lager, es gibt die, die sagen: „Ist ja total cool, dass ihr schon so viele Singles rausbringt“ und die, die sagen: „Ist totaler Mist, wenn ich das Album kaufe, gibt es ja keine neuen Songs mehr.“ Ich kann beide verstehen, wobei es dann immer noch sieben weitere neue Songs auf dem Album gibt. Aber ich kann die natürlich verstehen, die das doof finden, weil der Überraschungseffekt weg ist. Das hat auch Gründe in der Musikwelt, die sich in der Hinsicht verändert hat. Durch die Playlisten ist es für eine Band viel logischer, eher viele Singles als ein Album zu veröffentlichen.

Aber das spricht auch für das Album, dass ihr sagen könnt, wir haben sechs Songs, die eine Single sind.

Christoph: Wir haben uns trotzdem bei den sechs Songs noch schwergetan, haha!

Rudi: Es war nicht leicht, gefühlt waren da einfach viele Hits und wir waren alle cool mit den Songs. Da muss man sich erstmal entscheiden. Vier Köpfe, vier Meinungen. Wenn es da zwei gegen zwei steht, ist es auch nicht so leicht. Aber wir waren da relativ einstimmig.

„Man ist als Künstler schon so ein Sprachrohr“

Lass uns noch ein bisschen über die Inhalte reden. Bei der ersten Single „STFU“ geht es um Verschwörungserzählungen, „Bonfire Of The Millennials“ beschäftigt sich mit Umweltzerstörung. Das ist doch politischer, als ich es von ANNISOKAY erwartet hatte.

Christoph: Das ist richtig. Also ob das politisch ist, weiß ich nicht, ich nenne es immer sozialkritisch. Politisch bedeutet immer direkt eine bestimmte Position einzunehmen. Diese Themen sind aber sehr global und betreffen jeden Menschen. Auf den ersten zwei, drei Alben haben wir so was tatsächlich nicht behandelt, einfach weil uns das persönlich nicht so betroffen hat. Wir hatten damals ganz andere Dinge im Kopf, und man schreibt über das, was einen beschäftig. Jetzt sind wir aber älter und die Welt hat sich verändert. Man ist als Künstler schon so ein Sprachrohr, wodurch man eine gewisse Verantwortung hat. Warum sollte ich etwas nicht rausschreien in einem Song, wenn es mich so beschäftigt? Das sind auch Songs, die einem auf eine andere Art und Weise am Herzen liegen, als wenn man über eine verflossene Liebe schreibt oder jemanden verloren hat. Das sind ganz andere Emotionen. „STFU“ zum Beispiel, den Song habe ich geschrieben, da war hier gerade in Halle das Attentat von diesem Rechtsradikalen, der zum Glück nicht in die Synagoge reinkam. Das ist quasi vor meiner Haustür passiert. Und dann sehe ich im Internet Leute, die behaupten, das sei ein reines Fake-Manöver von den Linken gewesen, um das den Rechten in die Schuhe zu schieben, oder um gegen die AfD zu hetzen, oder es sei ein Islamist gewesen. Und ich dachte nur: Was ist denn mit euch los? Das hat mich so aggressiv gemacht, ich kenne das gar nicht von mir, dass mich so was derartig berührt. Ich habe nur gedacht, es reicht.

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„Der Song passte jetzt sogar viel besser als zu dem Zeitpunkt, wo ich ihn geschrieben habe“

Jeden Tag siehst du bei Facebook den ganzen Schwachsinn, den die Leute da teilen, weil sich irgendwer ein Meme ausgedacht hat. Und die Leute teilen es und freuen sich, weil es „endlich mal wer sagt“. Das ist einfach unfassbar. Und als der Song rauskam, war gerade Corona, da ging das ja erst richtig los. Der Song passte jetzt sogar viel besser als zu dem Zeitpunkt, wo ich ihn geschrieben habe. Das ist ein Thema, das wird uns die nächsten Jahre wohl noch begleiten. Und da wollte ich den Leuten, die das für ihre Zwecke missbrauchen, einfach mal sagen: Haltet einfach die Fresse. Das Schönste war natürlich, dass die Leute auf den Song auch entsprechende Reaktionen gezeigt und uns da zugestimmt haben. Das beruhigt einen ein wenig, weil man sieht, dass es auch noch normale Menschen auf der Welt gibt, haha!

Aber Songs wie „The Tragedy“ oder „Like A Parasite“ sind auch wieder persönlicher. Den Singles nach zu urteilen, sind eure Themen also durchaus ausgewogen.

Christoph: Das ist uns schon wichtig. Schön, dass du gesagt hast, dass „Like A Parasite“ ein persönlicher Song ist, denn viele dachten, es geht um Corona, weil der Song irgendwas mit Parasit heißt. Dann gab es noch den blöden Zufall, dass genau zwei Wochen vorher BRING ME THE HORIZON „Parasite Eve“ veröffentlicht haben. Da dachten echt Leute, wir hätten den deshalb so genannt, um irgendwelchen Fame abzugreifen. So ein Quatsch, man erzeugt doch genau das Gegenteil, die Leute denken ja, wir hätten das geklaut, warum sollten wir das so machen, haha! In dem Song geht es um etwas ganz anderes, um eine Person. Aber es gibt beides auf dem Album, so wie wir musikalisch versuchen, in viele Ecken zu schauen, so machen wir das auch mit den Texten.

Interview: Dennis Müller

Foto: Benjamin Pohle

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