Brauchen wir 2018 noch Platten-Rezensionen? – Ein Essay


Unsere Gastautoren Julia und Julian haben sich da mal ein paar Gedanken gemacht und treten ins Gefecht der Argumente: Machen Plattenrezensionen im Jahr 2018 noch Sinn? 

JA!

Genauso wie die Butter aufs Brot gehören Plattenrezensionen zur Musikbranche. Wer sie weglässt, verzichtet auf den vollen Genuss.

von Julia Gollan

Laut Bundesverband für Musikindustrie (BVMI) wurden im Jahr 2017 allein 76 Millionen Alben verkauft, darunter 66 Millionen auf CD oder Vinyl – und hier sprechen wir nur von analogen Zahlen. Wie soll ich mich in diesem Platten-Dschungel zurechtfinden? Es fängt beim Genre an und hört beim Sub-Subgenre auf und dazwischen stehen wir, verloren, keine Chance durchzukommen. Was uns den Weg durch den bereits erwähnten „Platten-Dschungel“ allerdings frei macht, sind: Plattenrezensionen. Sie stehen sinnbildlich für die Machete, schneiden uns den Pfad frei, sodass wir entspannt hinterher schreiten, die Vielfältigkeit genießen und gleichzeitig hin und wieder abseits laufen können, wenn uns mal wieder die Abenteuerlust packt. Ob online oder offline, Musik-Reviews bieten in erster Linie eine Orientierungshilfe. Egal ob es das neue Album deiner Lieblingsband ist oder eine dir noch unbekannte Band, die Rezension beschreibt in Kürze, das, was du von dem neuen Album, Song oder der EP erwarten kannst. Wird das brandneue Album deiner Lieblingsband schlecht bewertet, wird dich eine Rezension allein wahrscheinlich nicht davon abhalten, es zu kaufen/streamen, vielleicht bist du aber zumindest weniger enttäuscht, wenn das Album wirklich nicht deine Erwartungen erfüllt. Gleichzeitig kann dich eine Plattenrezension auf Künstler stoßen lassen, auf die du nie von selbst gekommen wärst, die deinen Musikgeschmack aber mitten ins Herz treffen.

Eine weitere wichtige Aufgabe liegt aber woanders: Plattenrezensionen sind auch Sprungbrett zum Erfolg für Künstler und Künstlerinnen. Ein guter Review in einem bekannten Musikmagazin, in dem ein Newcomer-Release von Lob nur so erstickt, regt das Interesse an. Nur so erfahren wir davon, wer im Keller unglaubliche Musik produziert. Ein kleiner Nebeneffekt ist das sofortige Feedback für die Musiker und Musikerinnen selbst: Was den RedakteurInnen gefällt, zieht womöglich auch beim Publikum, also ab mit diesen Songs in die Setlist. Natürlich haben Plattenrezensionen nicht immer Recht, denn: Geschmäcker sind verschieden, trotzdem, sie gehören zur Musikkultur wie die Butter aufs Brot. Man könnte sie weglassen, aber man kann nicht leugnen, dass einfach etwas fehlen würde.

NEIN!

Plattenrezensionen sind nicht mehr zeitgemäß. Neue Medien sowie ein gänzlich anderes Rezeptionsverhalten des Publikums machen sie unnötig.

von Julian Rösler

Mittlerweile es ist etwas ganz Natürliches, dass zu einem Albumrelease auch eine dazugehörige Rezension erscheint. Sogar die digitalen Verkaufsstände bieten die Möglichkeit, einen Kommentar zu einer Platte zu veröffentlichen, Stichwort Bewertungen auf Amazon oder iTunes. Ein Wust von Informationen, doch: Brauche ich diese  – ob verfasst von Laien oder im Feuilleton einer überregionalen Zeitung/Zeitschrift – überhaupt noch? 

Nein. Denn Streamingdienste geben mir die Möglichkeit, ohne Aufpreis und sofort in das Album reinzuhören, das mich interessiert. Für mich ergibt sich daraus keine Notwendigkeit, in die Bewertungen zu schauen, die in Blogs, Foren oder sonst wo publiziert werden. Ich stelle grundsätzlich in Zweifel, dass Rezensionen als Orientierungshilfe geeignet sind, um ihre LeserInnen durch ein Meer an Bands samt ihrer Releases zu navigieren – zumindest habe ich persönlich und auch in meinem Bekanntenkreis noch nie eine solche Erfahrung gemacht. Rezensionen werden, zumindest unter meinen Peers, fast ausschließlich als Kurzprosa betrachtet. Ein Review bringt mich selten einer Band oder einem Album näher, sondern unterhält mich im besten Fall. Obwohl mir für die Recherche dieses Textes eine Kritik aus der SPEX zum aktuellen Chvrches-Album LOVE IS DEAD in die Hände gefallen ist, dessen präzise, humorvolle Review mich tatsächlich dazu verleitet hat, mir das Elend näher anzuhören.  Sicherlich können für viele LeserInnen von Reviews auch unbekannte Perlen dabei sein, allerdings stellt sich angesichts des Web 2.0 und seinen Möglichkeiten die Frage, ob man nicht ohnehin von der entsprechenden Veröffentlichung etwas mitbekommen hätte – Offenheit und Neugier vorausgesetzt. Die Zeiten, in denen Musikinteressierte passiv zuhause auf eine Rezension warten mussten oder sich durch Unwetter hindurch in den nächsten Plattenladen quälten, um selbst etwas zu entdecken, sind spätestens seit der massenhaften Verbreitung von Smartphones vorbei. Plattenrezensionen sind ein Relikt vergangener Tage und gehören lediglich in die Übungsseminare von angehenden Schreiberlingen. Die Weiterentwicklung der Medien und die sich daraus ergebenden veränderten Hör- und Lesegewohnheiten haben die Plattenrezensionen auf ihren Platz in der Geschichte verwiesen. Das Publikum braucht keine Reviews mehr, sondern Möglichkeiten, sich tiefer mit Musik beschäftigen zu können, um besser teilnehmen und teilhaben zu können.


Und jetzt ihr: Brauchen wir 2018 noch Platten-Reviews? Diskutiert gerne bei Facebook mit!

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