Callejon im Interview: „Keine Zukunft ohne Kampf“


Callejon luden uns Ende letzten Jahres zum Pre-Listening von WIR SIND ANGST ein, wo wir die Möglichkeit hatten mit Gitarrist Bernie über den Entstehungsprozess ihrer neusten Platte zu sprechen. Aktuell befinden sich die glorreichen Fünf von Callejon auf ausgedehnter Deutschlandtour und Impericon war auf ihrer Show in Erfurt, um im Vorfeld mit Bernie, Kotze und Kotsche über Helene Fischer, Zukunftspläne und Disneyland zu plauschen:

Wie läuft die Tour bisher?

Bernie: Also ich hab meine Kippen verlegt, deswegen ist die Tour die Hölle, aber ansonsten ist es ziemlich geil (lacht).

Kotsche: Ich werde die Frage jetzt mal ernsthaft beantworten: Die Tour ist der Hammer. Wir haben geile Bands dabei, wir mögen einander immer noch, die Shows sind spitze und die neuen Songs kommen extrem gut an. Eigentlich haben wir jeden Abend das Gefühl ordentlich abgefeiert zu werden.

Bernie: Hat eigentlich irgendwer mein Feuer einstecken? (Kurze Pause) Achne, ich hab alles (Lacht)

Ihr wart schon immer eine Band, die ein extrem breit gefächertes Publikum angezogen hat. Auf euren Shows hat man in der Regel vom Metalhead bis zum Hardcore-Kid alles dabei gehabt. Ist das immer noch so, oder gehören eure Fans mittlerweile einer festen Subkultur an?

Bernie: Ich hab das Gefühl, dass das noch krasser geworden ist. Unsere Fans setzen sich immer noch aus vielen subkulturellen Strömungen zusammen. Wir haben auch Fans, denen du niemals ansehen würdest, was sie für Musik hören. Aber was dieses Metalpublikum angeht, da hatten wir auch lange Zeit einen schweren Stand. Viele Leute aus dem „truen“ Metalbereich fanden uns lange Kacke. Wir finden es ziemlich cool, dass es so vielschichtig ist. Wir gehen ja auch musikalisch in viele Richtungen und bedienen uns vieler Elemente.

Hassen die „truen“ Metalheads euch immer noch?

Kotsche: Es gibt bestimmt immer noch genug Leute die uns hassen. In Wacken hat es sich aber ein bisschen so angefühlt als wären wir nicht ganz so scheiße angekommen.

Auf Facebook sieht man euch FIFA im Tourbus zocken. Was treibt ihr sonst noch auf euren Stopps, wenn ihr mal freie Zeit habt?

Bernie: Tekken zocken.

Kotsche: Abseits von Tekken zocken versuchen wir natürlich immer mal rauszugehen. Heute in Erfurt hat das sogar geklappt. Wir waren ziemlich beeindruckt von der Stadt, ist ziemlich hübsch hier. Das klappt aber leider auch nicht immer und sonst machen wir Sport während der Pausen. Kotze ist ein ganz großer Sportler.

Kotze: Ich war eben mit unserem Soundmann Alex Boxen. Also Seilspringen, Liegestütze, Gymnastik, Sparring und so Zeug.

Kotsche: Bernie und ich sind so die Waschlappen, ich bin nicht mal tätowiert, da brauchen wir einen harten Typen wie Kotze, der die Fahne hoch hält.

Bernie: Und alles weg boxt (Lachen).

Ihr habt das vorhin mit Wacken angesprochen. Schaut man sich den Callejon-Festivalsommer an, dann sind da ja ganz schön beeindruckende Termine dabei. Rock im Park, Rock am Ring, usw. Wie ist es als Band auf so einer Bühne zu spielen und von tausenden Augen angeschaut zu werden?

Kotsche: Das ist einfach nur krass, aber man nimmt das eher als Panorama wahr. Man bekommt eigentlich nur die Augenpaare aus den ersten 10 Reihen mit und dahinter verschwimmt alles zu einem wunderschönen Panorama. Das ist ein extrem geiles Gefühl.

Bernie: Ich sehe eh nicht viel durch meine Haare und wenn, dann sehe ich eigentlich immer nur die Securities im Graben. Die sind  aber immer gut drauf.

Ist man dann nicht auch in einer Art Tunnel?

Bernie: Auf jeden Fall. Gerade wenn die Bühnen richtig groß und richtig hoch sind. Das ist ein ganz seltsamer Film. Auf der einen Seite ist das total geil, auf der anderen Seite aber auch eine total surreale Erfahrung.

Der Grund, wieso ihr auf solchen Bühnen spielt, ist auch der Charterfolg von WIR SIND ANGST. Wie war es auf Platz 5 der deutschen Albumcharts einzusteigen?

Bernie: Das war ein geiles Gefühl. Wir schätzen das sehr, aber Chartpositionen sind nichts, worauf wir hinarbeiten. Für uns ist wichtig, dass wir auf Tour fahren können und Alben releasen können.

Was setzt man sich nach so einem Ergebnis noch für Ziele als Musiker? Echonominierung? Weltherrschaft? 

Kotsche: Die Echoparty ist ganz ok glaube ich.

Kotze: Haben die Schnaps? (Lachen)

Bernie: Aber dafür dann dort spielen ist ein ganz schön hoher Preis…

Kotsche: Du musst da ja nicht spielen, nur den Preis abholen und dann trinken.

Bernie; Ich weiß nicht… Ich benehme mich bestimmt daneben.

Kotze: Ich find Preisverleihungen cool, ich will auch alle Preise abräumen, die so gehen. Natürlich auch den Echo.

Kotsche: Erstmal musst du unser Tekken-Turnier gewinnen, da sehe ich noch schwarz. (Lachen) Sonst wollen wir noch mehr Konzerte spielen, das ist die beste Belohnung, die es als Künstler geben kann. Der direkte Kontakt, der Applaus und die glücklichen Gesichter.

Wie haben eigentlich Freunde und Fans auf die neue Scheibe reagiert?

Kotze: Mein bester Freund sagt immer: „Wat, der singt deutsch?“

Kotsche: „Der schreit ja wieder nur“ (Lachen)

Kotze: Schwer zu sagen, wir haben in unseren Freundeskreisen nicht so direkt viele Metalheads, die Callejon hören. Aber sonst war das Feedback durchweg positiv.

Bernie: Callejon-Fans sind extrem euphorisierte, ausrastende und für die Band durchs Feuer gehende Menschen. Dementsprechend war das Feedback von unseren Fans überwältigend. Die rasten richtig aus wenn sie das neue Zeug hören und das freut uns total. Die waren auch total verärgert, dass Helene Fischer vor uns platziert war.

Kotsche: Übrigens vollkommen zu Unrecht.

Kommen wir mal zu einem sozialkritischen Punkt: WIR SIND ANGST ist ja Mitte 2014 entstanden und als die Scheibe dann rausgekommen ist, hat sich die politische Situation weltweit drastisch verschärft. Man muss sich nur die jüngsten Terroranschläge von Paris anschauen oder den steigende Fremdenhass durch PEGIDA und Co. Habt ihr diese Dinge schon genau so letztes Jahr „gespürt“?

Kotsche: Ich glaube WIR SIND ANGST ist ein Album, welches aus der Wahrnehmung der Zeit entstanden ist und die Zustände waren letztes Jahr nicht unbedingt verschieden. Es sind jetzt zwar einige neue Dinge geschehen, aber die sind nur symptomatisch für eine Geisteshaltung in einer Gesellschaft. Jedoch war das Thema schon vor einiger Zeit für uns aktuell. Vielen Leuten kommt es jetzt vielleicht so vor, dass wir prophetenartig so ein Album raus gehauen haben, wo wir in die Zukunft geblickt haben, aber solche Dingen geschehen halt aus einer unreflektierten und angstggeschwängerten Atmosphäre und die haben wir eben schon vor einiger Zeit gespürt.

Bernie: Obwohl es schon krass ist. Die PEGIDA-Bewegung ist ein gutes Beispiel dafür. Das Ganze hat sich noch einmal zugespitzt und die Indikatoren sind viel krasser sichtbar geworden. Teilweise haben wir auch gedacht „Boah, Krass man, dass ist tatsächlich so, wie wir das wahrgenommen haben“. Irgendwo ist das schon ein bisschen gruselig, weil das eben kein Phänomen ist, was vorüber geht, sondern ein Grundzustand in unserer Gesellschaft ist und teilweise hässliche Konsequenzen hat.

Bleiben wir bei den pessimistischen Themen. Der Song „Krankheit Mensch“ zeichnet ein ziemlich düsteres und destruktives Bild von uns als Spezies. Gibt es denn noch Hoffnung?

Kotze: Keine Zukunft ohne Kampf!

Kotsche. Genau wie Kotze es sagt, man muss es eben selbst in die Hand nehmen. Im Grunde muss man einer Gesellschaft zeigen, wie schlecht es steht und wohin es mit einer gewissen Geisteshaltung gehen kann, damit überhaupt ein Bewusstsein dafür entsteht. Aus diesem Bewusstsein heraus können sich Dinge dann erst ändern. Natürlich gibt es Hoffnung. Man muss sich nur wie Münchhausen aus dem Sumpf ziehen.

Bernie: WIR SIND ANGST beschäftigt sich nicht nur mit dem Zustand in der Gesellschaft. Klar ist „Krankheit Mensch“ und die Platte an sich sehr pessimistisch, aber man muss manchmal auch einfach Dinge auf den Tisch rotzen, damit man Platz hat sich neu aufzustellen. Das Album ist auch eine Suche nach der Hoffnung und einem Bewusstsein, dass es in die richtige Richtung weitergehen kann.

Kotze: Das ist auch unsere Aufgabe. Wenn wir die Möglichkeit haben eine Platte zu machen und Leute haben die uns zuhören, was auch nicht selbstverständlich ist, dann kann man denen auch was wichtiges sagen.

Gibt es Pläne nach dem Festival-Sommer?

Bernie: Es ist ja kein so gut gehütetes Geheimnis mehr, dass wir gerade eine Live DVD aufnehmen. Das ist dann das nächste Projekt, womit wir uns jetzt schon beschäftigen. Sonst das übliche: Wir werden weiter auf Tour gehen und dann irgendwann ein neues Album machen.

Im Internet liest man, dass Disneyland gebrannt hat. Habt ihr direkt oder indirekt etwas damit zu tun?

Kotsche: Wie gesagt, wir haben prophetische Qualitäten. Mehr möchte ich dazu jetzt nicht sagen (lacht).

Bernie: Es ist glaube ich niemand zu Schaden gekommen, oder?

Nein

Bernie: Dann ist alles geil. (Lachen)

Danke für eure Zeit und das großartige Interview!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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