Der Weg einer Freiheit kurz vor Release im Interview: „Man darf auch nicht auf jedem Album seinen Sound ändern“


Kurz vor dem Release haben wir uns Vocalist und Gitarrist Nikita K. von Der Weg einer Freiheit geschnappt und ihm Fragen über das kommende Album FINISTERRE gestellt. Bevor es am 25. August 2017 via Seasons of Mist erscheint, erhielt man als Fan schon viel Input auf YouTube in Form von Studio Sessions und einem Guitar Playthrough, außerdem Vorab-Releases der Songs Aufbruch, Skepsis Part I und Skepsis Part II. Uns wurde also schon ein sehr weites Spektrum geboten, wie FINISTERRE klingen wird. Wir konnten Nikita trotzdem noch einige Details entlocken – aber lest selbst!

Am 25. August präsentiert ihr euer viertes Studioalbum FINISTERRE. Ich hab erstmal Wikipedia gefragt: Abgeleitet vom Lateinischen finis terrae bedeutetet der Albumtitel so viel wie „Ende der Welt, Ende des Festlandes“. Ihr nehmt uns also wieder auf eine Reise abseits dieser Welt und Menschheit mit. In eurem letzten Album STELLAR habt ihr uns schon viele offene Fragen hinterlassen, was eigentlich da draußen ist. Wie viele Parallelen seht ihr selbst zu eurem Vorgänger STELLAR?

Nikita: Während STELLAR für mich eher eine spirituelle, romantische Atmosphäre vermittelt und Richtung „weg von der Erde“ ins grenzenlose All gezielt hat (daher auch der Albumtitel), soll FINISTERRE den Hörer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, ihn mit der Negativität und mit dem, was er direkt hier vor der Haustüre vorfindet, konfrontieren. Das Album hat allgemein eine aggressivere Ausrichtung als seine Vorgänger, ist durchweg etwas schneller und roher, aber trotzdem auch organischer vom Sound her. Eine Parallele sind nach wie vor die Songs mit Überlänge, die über lange Spannungsbögen zum Höhepunkt führen und selten dem Standard-Songschema folgen. Für uns ist es wichtig, Abwechslung zu schaffen, indem man eben nicht auf altbewährte Strukturen zurückgreift, sondern aus den vorhandenen Formen ausbricht, etwas Neues und Frisches erschafft und das Ganze somit interessant hält.

Ihr seid ja nun wirklich viel unterwegs, letzes Jahr habt ihr euch viel im gesamten Europa rumgetrieben und in diesem Jahr habt ihr einige Shows mit Heaven Shall Burn gespielt. Habt ihr überhaupt noch die Zeit neue Musik zu schreiben oder kuschelt ihr euch im Tourbus zusammen mit ner Gitarre und nem Bier in der Hand?

Nikita: Die Zeit während und kurz nach eines Releases ist natürlich immer ziemlich anstrengend und frisst viel Zeit. Aber sobald der ganze Rummel nach ein paar Monaten zurückgeht und die erste große Promotour vorbei ist, hat man auch wieder Zeit und Muse, neue Musik zu schreiben. Zwischen Tür und Angel geht das zumindest bei mir nicht. So eine Tour, das ganze Feedback und die Eindrücke, die man sammelt, das gibt auch immer wieder einen Schub und neue Inspiration, auch abseits der Shows die Gitarre in die Hand zu nehmen und neue Songs zu schreiben. Im Tourbus bleibt da eigentlich nicht viel Zeit – eine Tour ist generell schon so anstrengend, da nutzen wir die freie Zeit im Bus lieber, um zu entspannen, einen Kaffee zu trinken und die Seele baumeln zu lassen.

Die eigene Musik zu produzieren ist nochmal eine ganz besondere Herausforderung und verlangt einem einiges ab

Zum Produzieren der neuen Platte seid ihr an den Brombachsee ins Ghost City Studio. Ihr habt viel Zeit in den Soundcheck investiert und viele Snares, Becken, Mikrofone und Drumsets getestet. Kann man sich als Band überhaupt noch diesen „Luxus“ leisten bzw. wie lange hat es denn wirklich gedauert?

Nikita: Wir haben uns insgesamt sechs Wochen im Studio eingemietet und den finalen Mix habe ich dann noch in weiteren zwei Wochen daheim fertig gemacht. Da wir keinen externen Producer anheuern und bezahlen mussten, sondern wie gesagt alles selbst in die Hand genommen haben, hatten wir finanziell etwas mehr Puffer und mussten nicht so sehr auf die Uhr schauen. Klar haben wir immer noch ein recht schmales Budget und Deadlines, die wir einhalten müssen, aber somit konnten wir uns doch genau die Zeit nehmen, um den Sound zu finden, der uns momentan zu 100 Prozent repräsentiert.
Ich habe über die letzten Jahre viel Erfahrung im Studio, auch mit anderen Bands gesammelt und mir macht das Produzieren unglaublich viel Spaß, weshalb ich das mittlerweile auch zu meinem Beruf gemacht habe. Die eigene Musik zu produzieren ist nochmal eine ganz besondere Herausforderung und verlangt einem einiges ab, vor allem wenn man selbst auch den Großteil der Instrumente einspielt und singt.
Es gibt unzählige Entscheidungen zu treffen und alles wirkt sich irgendwie auf das Endprodukt aus. Genau das ist in meinen Augen aber auch der Reiz, man kann nach und nach zuschauen wie sich die Musik entwickelt, hält damit aber auch eine große Verantwortung in den Händen. Denn so ganz genau weiß man eben auch nicht, ob das, was man da gerade aufnimmt, am Ende auch wirklich gut klingt. Daher hat der ganze Prozess für mich auch sehr viel mit Intuition zu tun – ich schlage jetzt nicht in Büchern nach, wie man dieses oder jenes Mikrofon am besten platziert. Einfach ausprobieren und seinem Empfinden folgen, so sammelt man auch die besten Erfahrungen. Aber wie gesagt, das Ganze war eine geile Zeit, die wir nicht missen wollen und wir würden es so jederzeit wieder machen.

In eurer Studio Session sprichst du von innerer aber auch gesellschaftliche Zerrissenheit des Menschen und der Auseinandersetzung mit seinen Trieben und Instinkten, die immer mehr den Bach runter geht. Woher stammen diese Inspiration und Einflüsse?

Nikita: Ich glaube es war kurz nach Veröffentlichung von STELLAR Anfang 2015, als mir der „Steppenwolf“ von Hermann Hesse in die Hände gefallen ist. Ein paar Jahre vorher habe ich nach Empfehlung eines Freundes auch schon den „Demian“ von Hesse gelesen, der mir ebenfalls sehr zusagte. Beide Werke ähneln sich meiner Meinung nach sehr in ihrer Atmosphäre, auch wenn sie verschiedene Themen behandeln. Außerdem schwingt in beiden Büchern auch eine omnipräsente Angst vor dem Ungewissen und dem Krieg mit, was ich sehr interessant finde, wenn man sich ihren Entstehungszeitraum um den 1. und 2. Weltkrieg und die generelle Stimmung in der Gesellschaft dieser Zeit ansieht.
Vor allem der Opener „Aufbruch“ wurde hiervon stark inspiriert. Ich fand es außerdem sehr faszinierend wie auch erschreckend, welche Anzeichen es für den nahen Verfall der Menschen vor fast 100 Jahren schon gab und sich im Prinzip dasselbe in unserer modernen Welt wieder abspielt. Aufstrebende Angst und Hass gegenüber Fremden, Wirtschaftskrisen, Aufrüstung und Kriege und nur wenige die Widerstand leisten, weil es den meisten schlicht und einfach egal ist. Das hat mich bei der Entstehung von FINISTERRE stark beeinflusst, weil ich diese Zerissenheit eben auch in der heutigen Gesellschaft sehe und der Keil von Presse und Medien meist nur noch weiter hinein getrieben wird. Trotzdem gibt es eine Minderheit, die versucht dagegen anzukämpfen und seinen Mund aufmacht, in welcher Form auch immer.

Eure Texte machen eine gewisse Entwicklung mit, dies merkt man innerhalb der ersten Sekunden eures veröffentlichten Songs „Skepsis Part II“. Ihr reimt nun mehr, es gibt Refrains die sich wiederholen und du sprichst öfter mal in der zweiten Person. Auf welchen Einflüssen beruhen diese Texte, die einem teilweise den Atem rauben?

Nikita: Richtig, auf diesem Album habe ich vermehrt versucht, die Texte so auszurichten, dass sie auch ohne Musik quasi in Gedichtform funktionieren könnten. Dazu inspiriert hat mich der Text zu „Ein letzter Tanz“, der als einziges nicht von mir, sondern von unserem ehemaligen Bassisten Giuliano stammt und als erster Text für das Album fertiggestellt wurde. Mir geht der Text persönlich sehr nah und großer Dank geht an dieser Stelle an Giuli, dass er uns seinen Text für dieses Album überlassen hat! Weil genau dieser Text ursprünglich als reines Gedicht geschrieben wurde, aber einfach wie die Faust aufs Auge auf den Song passt, habe ich wie gesagt bei den restlichen Texten auch versucht, in diese Richtung zu arbeiten – was ich bisher, zumindest bewusst, noch nie gemacht habe. Großen Einfluss auf die Texte hatte eben auch der „Steppenwolf“, der mich aus den vorher genannten Gründen sehr fasziniert hat.

An diversen Stellen hört man ein gewissen progessiven Einfluss. Werdet ihr langfristig musikalisch vielleicht etwas moderner und grafisch mehr „Back to the roots“?

Nikita: Eine gewisse Progressivität in der Musik ist uns sehr wichtig, damit man sich halt nicht immer auf der gleichen Stelle bewegt, sondern weiterentwickelt. Ich finde man darf auch keine zu großen Schritte gehen und auf jedem Album seinen Sound ändern. Aber es ist auch irgendwie der eigene Anspruch jeden Release etwas komplexer und anspruchsvoller zu gestalten, damit es halt nicht langweilig wird.
Mit dem Artwork haben wir einfach versucht die bedrückende und aggressivere Atmosphäre des Albums widerzuspiegeln. Das Rot fungiert quasi wie eine Art Warnhinweis und die ganze Symbolik soll etwas mystisches vermitteln, was sich einem erst offenbart, wenn man sich genauer mit der Musik, den Texten und auch dem „Steppenwolf“ auseinandersetzt.
Dass das Ganze nun etwas oldschooliger aussieht, hat jetzt keinen konkreten Grund. Als wir das Artwork zusammen mit Max Löffler, der auch schon für die „Stellar“ verantwortlich war, visuell ausgearbeitet haben, hat sich diese Richtung von Vornherein irgendwie abgezeichnet und es hat einfach super gepasst. Wir sind mal wieder sehr zufrieden mit seiner Arbeit!

Man darf auch keine zu großen Schritte gehen und auf jedem Album seinen Sound ändern.

In eurem vor kurzem veröffentlichten Guitar Playthrough „Skepsis Part I“ zeigst du uns, dass du diese Musik wirklich lebst und in diesen dramatischen Riffs fast schon versinkst. Sind diese Klänge ein Blitzeinfall oder bindest du eher die einzelnen Melodien nach und nach aneinander?

Nikita: Sämtliche Musik entspringt bei mir immer aus dem Moment, in dem ich mit der Gitrarre da sitze und einfach spiele. Da gibt es selten ein bestimmtes Konzept oder Thema, was ich mir vorher ausdenke und dann systematisch ausarbeite. Ich brauche nur Zeit und einen freien Kopf. Klar nehme ich nicht jede Harmonie und Melodie so, wie sie mir spontan einfällt, ich tüftel teilweise schon lange an einem Riff, aber die Grundidee kommt doch immer spontan und intuitiv einfach aus dem Bauch heraus. Trotzdem habe ich schon oft gehört, dass unsere Musik sehr strukturiert und zunehmend komplexer wird und dem würde ich mit dem neuen Album und gerade bei dem instrumentalen „Skepsis Part I“ auch zustimmen. Für mich ist es sehr wichtig, dass ein Riff eine bestimmte Stimmung und Atmosphäre vermittelt, die Bilder im Kopf malt und einen irgendwie an einen anderen Ort versetzt. Wenn du dir einen guten Film anschaust oder ein gutes Buch liest, bist du ja irgendwann auch so versunken, dass du ganz vergisst, wo du dich jetzt eigentlich gerade befindest. Das Gleiche versuche ich mit unserer Musik zu bewirken, quasi als eine Art Zufluchtsort aus der Realität, wo du dir dein eigenenes kleines Universum erschaffen kannst.

Zu guter letzt mal eine ganz andere Frage, dein Dissections-Shirt auf Hallenkonzerten und Festivals ist fast schon eine Art Markenzeichen. Gibt es so viele schlechte Shirts, dass du nur das trägst?

Nikita: Haha, ich habe letztens ein altes Foto vom Summer Breeze 2011 wiedergefunden, worauf ich genau dieses Shirt trage – damals noch mit Ärmeln, mittlerweile haben die das zeitliche gesegnet und das Shirt ist eher grau als schwarz. Dennoch ist es nach wie vor fester Bestandteil von 99 Prozent aller Auftritte und das wird es wahrscheinlich bleiben, bis es komplett auseinanderfällt. Ich weiß nicht warum, aber ich hänge irgendwie an dem Shirt, neben der Tatsache natürlich, dass Dissection einer der wichtigsten musikalischen Einflüsse für mich war/ist.

Wir bedanken uns bei dir für deine offenen Worte und wünschen dir alles Gute für den Release am kommenden Freitag. Wir freuen uns auf jeden Fall. Special Pack, Fanbox und Doppel LP gibt’s übrigens bei uns im Onlineshop. 

 

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