Parkway Drive Winston

Ein Exkurs in die Geschichte: Wie entstand eigentlich Metalcore?


Woher kommt eigentlich Metalcore? Was macht die Musik aus? Und gibt es Vorurteile gegenüber Metalcore Diese und viele weitere Fragen stellten sich unsere Gastautoren Clara und Eva.

Die beiden Studentinnen der Medienwissenschaften sind noch Neulinge in der Metalcore-Szene, also haben sie sich einfach musikalische Starthilfe von der Erfurter Band Without Human Trait (WHT) geholt, die sie mit reichlich Fach- und Insiderwissen aus der Metalcore Szene versorgten. Wir übergeben das Wort:

Without Human TraitWithout Human Trait:René (Gitarre), Marcel (Gitarre), Dennis (Bass), Markus (Schlagzeug), Björn (Sänger)

Der Ursprung von Metalcore liegt im Hardcore. Als einstige Punk-Bewegung etablierte sich das Hardcore-Genre im Verlauf der 1980er und 1990er Jahre in Deutschland. Schnell kam es zu einer Zersplitterung in Substile – die für manch Außenstehende oft verwirrend bis unentschlüsselbar wirken kann.

Essentiell für die Entstehung, Charakterisierung und Bezeichnung des Metalcore war und ist aber die Kombination des Hardcore mit verschiedensten Metal-Elementen. Während sich in den 1980er Jahren erstmals einige Bands am Crossover versuchten, kam es erst im Zuge der 1990er Jahre zu einer vermehrten und anhaltenden Vermischung beider Musikrichtungen durch Bands wie Pro-Pain oder Merauder.

Auch im Metalcore bildete sich bald eine breite Spanne verschiedener Spielarten und Bands heraus, die sich – grob unterteilt – entweder vorrangig am klassischen Hardcore orientieren, einfache Liedstrukturen und Rhythmen mit hoher Taktgeschwindigkeit bevorzugen oder sich, wie im Subgenre Beatdown, an neuen Spielarten, vermehrten Breakdowns und Tempowechseln versuchen. Eine allumfassende Definition für Metalcore ist nicht leicht zu formulieren – und vielleicht auch nicht immer nötig. Dazu  Markus,  Schlagzeuger bei „WHT“: „Eigentlich ist es auch unbequem, in einem bestimmten Begriff festzustecken, das weckt gewisse Erwartungshaltungen und steckt uns in eine Schublade. Unsere musikalischen Einflüsse sind sehr vielfältig.” Privat hört die Band „alles durch die Bank weg”, sagt Bassist Dennis und fügt hinzu „Persönlich höre eigentlich überhaupt keinen Metalcore, haha. Aber ansonsten fast alles von Punk über Hardcore zu Grindcore und gelegentlich auch ein bisschen Hip Hop oder Pop.”

In allen Ausprägungen des Metalcore spielen verschiedene musikalische Bestandteile eine wichtige Rolle, dazu noch einmal Markus:

Die Takte und die Beats sind relevant, auch die Moshparts, die abwechselnd schnellen Parts und die Twostep-Parts, die zum Tanzen angelegt sind. Auch das Verlangsamen des Taktes und die Breakdowns sind klassische Elemente des Metalcore.

Mit der Entwicklung des Melodic Metalcore begann Mitte der 1990er Jahre die zweite Welle des Metalcore, die sich bis in die 2000er Jahre fortsetzte. “Cleangesang, zahlreiche Solos und Beats sind typische Merkmale dieser zweiten Welle.”, so Björn von WHT. Als kommerziell erfolgreichste Form umfasst der Melodic Metalcore Bands wie Heaven Shall Burn, Hate Squad oder As I Lay Dying.

Doch wie sieht es mit dem Image des Metalcore aus? Die ZEIT bezeichnete das Genre 2015 in einem Artikel als “die prolligste und intellektuell bescheidenste harte Gitarrenmusik der letzten Jahre“. Auch WHT sind sich einig: Metalcore kann schnell etwas grobschlächtig wirken. Die Texte sind es jedoch, die sich von dem Sound abspalten, wie Dennis erklärt: “Von den Texten her kann man das nicht so beschränken und sagen ‘Das ist prollig, das ist intellektuell beschränkt’, das geht nicht.” Ein gutes Beispiel hierfür sind die Texte von Architects, konkret zum Beispiel ihr Song “These Colours don’t run”:

Corruption hangs in the air that you breathe
And in the land of the free
You know nothing comes for free
Fourth drive in paradise
Vapid souls check the market price
Life time slave
Living in a suburban grave

Auch Björn, Sänger von WHT, steckt viel Zeit und Emotionen in das Schreiben der Lyrics, mit denen er versucht, Dinge aus der Vergangenheit zu verarbeiten. Dabei kann es zum Beispiel um gesellschaftskritische Themen gehen, wie den Druck in unserer Leistungsesellschaft; aber auch persönliche Erfahrungen werden in den Texten verarbeitet, wie Streit oder Todesfälle. Klare Beispiele also dafür, dass Metalcore gerne grob klingen darf, die Texte aber keineswegs dumm, sondern eher durchdacht und kritisch sein können.

Doch: Wie sieht es mit der politischen Einstellung innerhalb des Genres aus?

Without Human Trait machten im Interview klar, dass sie sich persönlich als sehr links einstufen. Das macht auch ihr Song “National Scum” deutlich, der sich gegen Fremdenhass richten soll. Auf unsere Frage, ob diese politische Einstellung im gesamten Metalcore- und Hardcore-Genre verbreitet ist, sagt Dennis:

Der Großteil schon, leider gab es in den letzten Jahren eine Bewanderung von der rechten Seite her. Es gibt zum Beispiel Bands mit Liedern, in denen deutlich rassistische Themen verarbeitet werden. Die gibt es aber mittlerweile ja in jeder Musikrichtung, diese Propagandavermittlung. Umso wichtiger ist es daher, sich von diesen Sachen zu distanzieren und klar Flagge zu bekennen, dass man mit so etwas eben nicht einverstanden ist.

Eine andere Thematik, die Hand in Hand mit Metalcore geht, ist Straight Edge: René, Gitarrist von „WHT“, lebt seit 16 Jahren Straight Edge. Dennis und er erklären uns im Interview, dass die Straight Edge-Bewegung ursprünglich aus dem Hardcore- und Punk-Bereich entstanden ist. Für René war die Musik einer der Auslöser für die Entscheidung seiner Lebensumstellung: “Man hat sich ja auch abgrenzen wollen von dem Suff und dem Alkohol.” Dennis fügt hinzu: “Es ging darum, eine alternative Lebensweise aufzuzeigen – ohne Drogen, ohne Fleisch, ohne Alkohol.” Straight Edge lässt sich also auch im Genre des Metalcore finden.

Fassen wir das doch noch einmal zusammen: Metalcore entstand aus verschiedenen Genres und verbindet die musikalischen und inhaltlichen Aspekte von anderen Musikstilen. Straight Edge ist in der Szene ebenso ein Thema wie im Hardcore und die Mehrzahl an Metalcore-Bands sprechen sich klar für eine linke politische Einstellung gegen Nazis aus. Der Sound ist härter, beinahe ‘prollig’ und muss dafür einiges an Kritik einstecken. Aber: Viele Bands lassen sich nicht mehr so einfach in ein bestimmtes Genre packen. Sowohl große Bands wie Parkway Drive als auch Nachwuchsmusiker wie die Jungs der Erfurter Band Without Human Trait sagen sich von der klassischen Einteilung in das Metalcore-Genre los, lassen verschiedene musikalische Einflüsse zu und spielen einfach das, worauf sie Bock haben. Denn sie haben Spaß dabei – und das ist das Wichtigste.

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