Sexismus

Eure Abneigung gegen Fangirls ist auch nur schlecht getarnter Sexismus


Junge Mädchen auf Konzerten sind ein Phänomen für sich. Grundsätzlich werden sie  als schreiende Heulbojen wahrgenommen, welche die Musik nur hören, weil Bandmitglied XYZ so heiß ist und so schöne Tattoos hat. Falls sie aber unter Beweis stellen, dass sie doch tatsächlich der Musik wegen da sind, dann ist das eher nebensächlich, denn dann werden sie eben als kreischende Heulbojen wahrgenommen, die die Musik nur hören, weil sie die Musik mögen, im Endeffekt aber trotzdem nerven. Was ist eigentlich das Problem, welches die Szene mit jungen Mädchen hat?

Ich steh in der Schlange zu einem Konzert und warte darauf, dass sich die Security endlich mal strafft und einen Zahn zu legt, denn es ist kalt, es regnet, überall sind Menschen und ich sehe weit und breit keine Katzen, die mein Gemüt erheitern könnten. Vor mir in der Schlange steht eine Gruppe wirklich junger Kids, denen das alles aber nichts auszumachen scheint. Sie sind extrem aufgekratzt, scharren mit den Füßen und können es kaum erwarten, dass es endlich los geht. Dabei tragen sie stolz Merch des Headliners, quasseln sich ununterbrochen voll und irgendwie habe ich Probleme dem Gespräch zu folgen, da ständig Wörter fallen, deren Sinn sich mir erst nach kurzer Smartphonerecherche erschließt. Hätte ich ein Herz, dann wäre dies zutiefst berührt, denn was gibt es schöneres als Kids, die sich gegen den Mainstream entscheiden und versuchen Teil einer alternativen Jugendbewegung zu sein?

Der Jogginghosen tragende Typ, der vor der Gruppe junger Kids steht, sieht das alles aber etwas anders. Er schnaubt verächtlich, wobei sein XL-Septum kurz wackelt und mustert anschließend mit einem halb über die Schulter geworfenen Blick  die Gruppe. Daraufhin rückt er sein Merch irgendeiner unbekannten Kellerband zurecht und äußert halblaut zu seinem Kumpel, wie furchtbar er es doch findet, dass solche jungen Mädels nur herkommen, weil sie auf den Sänger stehen und überhaupt keine Ahnung von der Musik hätten. Warte mal, bitte was?

Man könnte sich über viele Menschen empören die auf Konzerte gehen. Zum Beispiel über Menschen die Kina statt China sagen oder Menschen die beim Essen schmatzen, vielleicht sogar über Menschen die Nickleback mögen, aber irgendwie entscheidet man sich hauptsächlich dafür, sich über kleine Mädchen zu empören. Fast so als ob der Szene/einer Band/ einem Konzert nichts schlimmeres passieren könnte, als dass junge Mädchen darauf stehen („Wird eine Band von 14 Jährigen gehört, dann können es nur Poser sein!“). Zwar wird es auch nicht unbedingt gern gesehen, wenn jüngere Jungs anwesend sind, aber das wird noch halb stillschweigend geduldet, die Abneigung richtet sich tatsächlich hauptsächlich gegen junge Besucher weiblichen Geschlechts.

Warum Männer sich nicht über die jüngere Typen aufregen liegt auf der Hand. Meistens ist es gar nicht lange her, dass sie selbst jung waren und quasi in exakt der gleichen Situation steckten. Vermutlich war ihr Musikgeschmack sogar noch beschissener und 80 % der heutigen toughen Hardcore-Heads haben eine lustige MySpace-Vergangenheit, in welcher sie sich mit dem Glätteisen von Mama einen fiesen Pony zurecht geglättet haben und dann in ihrem XS Bandshirt für das Profilfoto gepost haben. Zwar können sie dieses dunkle Stück Vergangenheit vor ihren Freunden geheim halten, vor sich selbst lässt sich aber nichts geheim halten, also dulden sie auch jüngere ( männliche ) Kids auf Shows. Alles andere wäre ziemlich heuchlerisch.

Das erklärt zumindest schon einmal, wieso man Jungs in der Kritik einigermaßen außen vor lässt, aber was ist das Problem mit den sogenannten „Fangirls“? Objektiv betrachtet ändert sich weder die Performance, noch der Sound einer Band durch die Fans, die diese Musik mögen und hören.

Das zugrunde liegende Problem beschränkt sich nicht nur auf sehr jung Mädchen, die sich ihre Kinderzimmerwand mit den Postern ihrer Lieblingsband zukleistern und einen halben Nervenzusammebruch bekommen, sobald der Bruder des Soundtechnikers von Band XYZ einen ihrer Tweets favorisiert. Das Problem erstreckt sich auf einen ziemlich umfassenden Sexismus, der sich leider nicht verleugnen lässt. Obwohl es sich nicht pauschal sagen lässt, dass Männer in der Szene omnipräsent sind, so ist es doch leider so, dass die Köpfe hinter Konzerten, Bands, Projekten usw. meistens männlich sind. Dies führt zu der unangenehmen Folge, dass Frauen oftmals nur als „Freundin von XYZ“ gesehen werden und auch dementsprechend nicht immer unbedingt ernst genommen werden.

Sind Frauen nur „einfache“ Konzertbesucher, dann kann was nicht stimmen. Allein die Tatsache, dass sie weiblich sind, stellt sie unter den Generalverdacht, dass sie nur da sind, weil sie auf Typen XYZ stehen, die Musik nur hören, um sich bei Jungs beliebt zu machen, Aufmerksamkeit zu erzeugen und sonstigen Bullshit. Frauen gehen auf ein Konzert und natürlich kann die einzige Motivation dahinter ein Mann sein. Um was soll sich die Welt denn bitte drehen, wenn nicht um Männer? Der Beweis liegt klar auf der Hand, Frauen können harte und alternative Musik nämlich überhaupt nicht genießen, ihnen fehlt die „Ich mag harte und alternative Musik“-Anhangsdrüse im rechten Hirnlappen. Wenn sie dennoch behaupten, dass sie auf solche Musik stehen, dann lügen sie und wollen Männer beeindruckend.

Diese ekelhaft sexistische Grundstimmung sorgt dafür, dass Männer Frauen gegenüber skeptisch sind und resultiert in einem irrationalen Hass gegenüber Fangirls. Denn ältere Frauen „übernehmen eine Aufgabe“. Sie sind immerhin die Freundin/Begleitung von Typ XYZ und wenn sie diese Aufgabe/Position übernehmen, dann wird das noch halb protestierend geduldet. Bei Fangirls ist das aber noch etwas anders, denn sie sind in der Regel zu jung, um die Freundin von jemanden zu sein, also sind es einfach nur Frauen, die angeblich nur Aufmerksamkeit wollen und so die Musik und den kompletten Abend der erhabenen toughen Männer vermiesen. Wie können sie nur? Denken die eigentlich nur an sich? Das ist tatsächlich der ganze Knackpunkt und zeigt, dass die Abneigung gegen Fangirls auch nur schlecht getarnter Sexismus ist, der zu Tage tritt. So lange Frauen eine „Aufgabe“ übernehmen werden sie geduldet, wenn sie dies nicht tun, sind sie scheiße. Danke für Nichts, zu so einer Szene will ich nicht gehören.

Im Jahr 2015 sollten wir eigentlich langsam aber sicher Sexismus aus unseren Köpfen kriegen und vor allem solche eingefahrenen Strukturen und Verhaltensmuster erkennen. Sexismus ist oftmals kein individuelles Problem, sondern ein Strukturelles, dem man sich aber definitiv bewusst sein sollte. Freut euch doch einfach, dass junge Menschen auf eine Show kommen und sich für etwas begeistern können, was nicht auf RTL läuft oder mit Crystal Meth zu tun. Regt euch lieber über Menschen auf, die Kina statt China sagen.

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