Hardcore Help

Hardcore Help: Nicht Alle Helden Tragen Cape


Hardcore ist nicht mehr das, was er einmal war. Alles ist größer und schneller, auf einmal gibt es catchy Hooks und Shows werden nun auf Facebook promotet und nicht mehr über Flyer von Hand zu Hand gegeben. Nicht unbedingt etwas, was die eingesessene Szene-Elite begrüßt, aber weder Auftritte auf Mainstreamfestivals, noch teurere Plattenproduktionen haben es geschafft, dass Hardcore seine Grundidee vergessen hat. Rico Huntjens, Gründer der Hardcore Help Foundation,ist hierfür der lebende Beweis.

Wenn ihr regelmäßiger auf Shows unterwegs seid, dann habt ihr mit großer Wahrscheinlichkeit schonmal einen Stand der Organisation gesehen und wenn nicht, dann aber sicherlich Merch der Truppe. Bei der Hardcore Help Foundation handelt es sich um eine Organisation, die unter der Schirmherrschaft  der Flotte e.V. steht und das ist, was man im Englischen als NGO bezeichnen würde, also eine nicht auf Gewinn orientierte Organisation. Doch um Gewinn geht es Rico und seiner Crew auch nicht, die mittlerweile seit 2011 aktiv ist und von Jahr zu Jahr größer wird. Rico hat die Geschichte vermutlich schon hundertmal erzählt, doch auch als er sie mir auf dem Impericon Festival 2016 in Leipzig erzählt, kann man seine Passion für die Sache förmlich greifen:  „Angefangen hat alles 2011. Da war der Tsunami in Japan und ich kannte durch meine Tätigkeit als Veranstalter ein paar Kids aus Japan, die auf einem meiner Festivals gespielt haben. Als das dann passiert ist, dachte ich mir, dass man da doch irgendwas machen muss. Kurz danach hatte ich ein ausverkauftes Festival mit Madball anstehen und da kam mir die Idee, dass wir dort doch Spenden für die Opfer des Tsunamis sammeln könnten. Da haben wir dann gebrauchtes und neues Merch mitgenommen und haben das wie auf einer Art Flohmarkt verkauft. An diesem ersten Abend kamen so über 1.000€ zusammen, ohne das uns jemand kannte. Das war ein krasses Erlebnis.“

Rico

Rico Huntjens

Während viele gut gemeinte Projekte an ihrer Startfinanzierung scheitern, oder auch daran, dass sie einfach niemand kennt, konnte Rico von Anfang an auf eine breite Unterstützung der Hardcore Community zählen, was der Idee der Hardcore Help Foundation unheimlichen Auftrieb gewährte. Auch Rico wirkt ein wenig überrascht, wenn er über das Geschehene nachdenkt: „Das ist alles so aus einem Hobby entstanden und eigentlich hatte ich anfangs auch gar kein Plan davon. Etwas später habe ich dann die Leute von der Flotte e.V. getroffen und wir haben zusammen ein paar Ideen ausgearbeitet und anschließend beschlossen, dass wir das Ganze zusammen aufziehen.Irgendwann sind dann Bands von komplett allein auf mich zugekommen und wollten zusammen mit mir Shirts machen. Angefangen hat das mit Scott Vogel (Terror) und später kamen dann Biohazard, Sick Of It All und Co. Das ist unglaublich gewesen, weil ich niemanden angeschrieben habe oder so. Die sind von komplett allein gekommen.“

Das Projekt Hardcore Help machte nach seiner Gründung schnell die Runde, nicht nur über Flyer von Hand zu Hand, sondern auch Dank Facebook. Die Hilfsorganisation konnte in den letzten Jahren wachsen und stetig neue Projekte unterstütze, jedoch ist die Grundidee bei all der Veränderung die gleiche geblieben: „Leute können uns Merch spenden und wir verkaufen das dann über unseren Online Shop. Der Erlös kommt den Projekten zu Gute, die wir aktuell stemmen. Zusätzlich haben wir noch eigenes Merch und Kollabos mit Bands. Der Gewinn von diesen verkauften Shirts geht dann auch direkt in unsere Projekte, deshalb versuchen wir hier auch die Kosten so gering wie möglich zu halten, damit auf der anderen Seite so viel Geld wie möglich dort ankommt, wo es gebraucht wird. Natürlich gibt es auch noch ganz klassisch Direktspenden, die fließen dann auch in die Projekte.“ Rico und die Crew beschränken sich mittlerweile aber nicht mehr nur auf Merch, sondern bemühen sich auch andere Hilfsmittel wie Rollstühle in Gebiete zu bringen, wo sie dringend gebraucht werden: „Letztes Jahr haben wir einen Container nach Afrika verschifft, voll mit therapeutischen Hilfsgütern und daraus bauen wir jetzt ein Therapiezentrum, welches sich in einem Jahr dann von selbst finanzieren soll. Im Prinzip brauchen wir aber auch andere Güter, wie Schlafsäcke und diverse Textilien. Wir bringen solche Spenden dann in Flüchtlingsheime hier in Deutschland. Aktuell gibt es da einen riesigen Bedarf an Kinderkleidung.“

Kamen nach der anfänglichen Euphorie noch täglich bis zu 100 Bandshirts pro Tag, so erhält die HHF heute 3 bis 4 mal die Woche Spenden mit Merch. Die Organisation ist mittlerweile aus ihrer Hardcore-Umgebung herausgewachsen und erhält nun verstärkt auch „normale“ Spenden in Form von Kinderkleidung oder eben auch Rollstühlen. Doch egal wie die Organisation gewachsen ist, ihre Wurzeln bleiben weiterhin in der Musik und der Community. Das merkt man auch Rico an. Ruhiges und freundliches Gesicht, eine Anpacken-Mentalität und vor allem Leidenschaft für seine Idee. Fragt man ihn, ob die Hardcore Help denn noch mit der Musik verbunden sei, da die Organisation nun immer stärker Hilfsgüter und weniger Merch verteilt, dann muss er nicht lange überlegen: „Ja klar, wir helfen ja, weil wir den Grundgedanken von Hardcore leben. Die Community und das Helfen untereinander. Das ist der Kern von all dem.“ 

So bringt Rico den Spirit auch in Länder, die man nicht unbedingt mit Hardcore in Verbindung bringen würde. So zum Beispiel nach Kenia, genauer nach Nakuru. Nachdem Rico durch eine Freundin selbst nach Afrika geflogen ist und dort gemerkt hat, wie viel man da mit einem Euro erreichen kann, war er begeistert von der Idee, auch dort zu helfen. Aber was macht die Hardcore Help Foundation in Kenia? Auch diese Frage hat Rico vermutlich nicht zum ersten Mal gehört, doch seine Antwort hat ein Feuer in sich, als ob der die Story zum ersten Mal erzählen darf:  „Wir helfen direkt vor Ort verschiedenen NGOs. Da haben wir eigentlich zwei Hauptprojekte. Einerseits haben wir ein Wasserfilter-Projekt für sauberes Trinkwasser und auf der anderen Seite die Hilfe mit den Rollstühlen, wo wir beeinträchtigten Menschen helfen. Da gibt es eine NGO, die mit dem Gesundheitsministerium zusammenarbeitet und mit diesen Leuten arbeiten wir zusammen. Die machen regelmäßig Hausbesuche und schauen, wo beeinträchtigte Menschen leben. Danach entscheiden wir, an wen wir Rollstühle verteilen. Da unsere Mittel beschränkt sind, schauen wir uns jeden Haushalt genau an und überlegen gut, was ein gespendeter Rollstuhl dort wirklich verändern würde. Oftmals ist es so, dass Jugendliche dort leben, die keine Schule besuchen, weil sie eben nicht laufen können. Dort verändert ein Rollstuhl dann natürlich viel, wenn nicht sogar alles.“ Besonders das Rollstuhlprojekt lebt von Spenden von Rollstuhlherstellern, Krankenhäusern und Pflegeheimen: „Viele Rollstühle werden hier einfach weggeschmissen. Es ist krass zu sehen, was hier in Deutschland alles weggeschmissen wird. Wir verschiffen das und das macht dann Familien in Afrika glücklich.“

Rico als Real Life Superhelden zu bezeichnen ist nicht wirklich überzogen. Seine Tätigkeiten in Afrika beschränkt er nicht nur darauf beeinträchtigte Menschen mit therapeutischen Gütern zu versorgen, er will den lokalen Kids auch etwas weniger greifbares, aber nicht unwichtigeres bieten: Hardcore: „In Kenia gibt es keine wirklichen Hardcore Shows. Vor ein paar Wochen konnten wir A Traitor Like Judas dort hinbringen und das war das erste mal, dass in dem Ort, wo wir waren, eine internationale Band dort gespielt hat.“ Obwohl man bei harter Musik nicht unbedingt zuerst an Länder wie Kenia denkt: „Die Kids dort kennen die Musik. Seitdem sie Zugriff auf das Internet haben, kennen die eigentlich alles, was wir auch kennen. Die verfolgen richtig, was hier in Europa oder in den Staaten passiert. Für die ist das dann natürlich der Wahnsinn, wenn eine ausländische Band zu ihnen kommt und dort spielt.“

Ricos Leidenschaft und Liebe zur Idee von Hardcore ist es, was die Hardcore Help Foundation jeden Tag die Richtung weist, doch ohne die Hilfe der Community würde das Projekt nicht leben. Falls ihr helfen wollt, hat Rico einfache Ratschläge: „Jeder kann mitmachen. Wenn man bei uns in der Nähe wohnt [Lüdenscheid] , da kann man bei uns im Lager mitarbeiten. Natürlich suchen wir auch immer Leute die auf Shows auf unserem Stand aushelfen. Ganz traditionell kann man uns auch Bandshirts spenden, oder auch normale Textilien schicken. Vielleicht kennt sogar jemand jemanden, der jemanden kennt, der Zugriff auf therapeutische Materialien hat und diese uns zur Verfügung stellen könnte. Auch wenn die Hilfe klein wirken mag, uns bringt das enorm weiter.“

Und was hat Rico Huntjens 2015 gehört?

„Parkway Drive, Kendrick Lamar und Sick Of It All.“

Ihr wollt helfen? Hier findet ihr alle Informationen zur Organisation und aktuellen Projekten und hier geht es zum Shop. Natürlich findet ihr die Crew auch auf Facebook.

 

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