H&M, Nazi-Black Metal und Internet-Trolle


Manchmal kommt man nicht drumherum eine H&M-Filiale aufzusuchen. Sei es weil man mal wieder einen neuen Schlafanzug braucht oder sich nicht so ganz sicher ist, wo man sonst Unterwäsche kaufen kann (Protip: Hier und hier). Derzeit treibt der Mode-Gigant die Metalheads mit dem Verkauf von Merchandise zu Weißglut, nun folgte eine kleine Troll-Rache-Aktion, die das Kinderzimmer der Underground-Metal-Nerds zum Beben gebracht hat.

Hennes und Mauritz (H&M) vertreibt seit einiger Zeit Band-Merchandise großer und sehr bekannter Metal- und Rock-Bands wie Slayer, Metallica, Guns ‚N Roses, Black Sabbath und so weiter. Dass es wenig mit dem Merchandise-Gedanken zu tun hat, wenn ein Multimilliarden-Dollar-Unternehmen von einem Multimilliarden-Dollar-Major-Label Printrechte kauft und diese so produzierte 08/15 Stangenware dann über den ganzen Planeten verteilt, muss ich sicherlich nicht im Detail erklären. Vollkommen zu Recht war die Satan verehrende Metal-Gemeinde erbost. Nicht nur die hart eingefleischten Metal-Nerds hatten Bierschaum vor dem Mund und alle tippten sich zu den zarten Klängen von Cannibal Corpse im Internet die Finger blutig. Das war aber alles gar nix, im Vergleich zu dem, was jetzt kommt:

Im schwedischen Konzern hat man schnell gemerkt, dass man nicht unbedingt auf echtes Bandmerchandise setzen muss und so hat man einfach Bands erfunden und ihre Logos in Underground-Metal-Manier als Patches auf diverse Kleidungsstücke geklatscht. Lieblos, geistlos und vollkommen abseits vom Gedanken von Patches und Fantum. Die Werke des Designers, der ein wenig zu stark auf dem 90er Black Metal-Film hängen geblieben ist, haben Henri Sorvali (Finntroll und Moonsorrow) so auf die Palme gebracht, dass er eine absolut geniale und fragwürdige Trollkampagne gegen H&M gestartet hat.

Er hat anhand der Patches und Logos der Fake-Bands nicht nur ein nicht existentes Plattenlabel, sondern auch komplette Diskografien virtuell aus dem Boden gestampft. Mit einer Pressemitteilung hat er anschließend große amerikanische Blogs wie Metalsucks und Metalinjection angestachelt, für die so eine absurde Story natürlich ein gefundenes Fressen war (auch einige deutsche Blogs sind dem auf den Leim gegangen). Hierbei ist er jedoch so geschickt vorgegangen, dass es so aussah als ob es sich hierbei um einen sehr akribischen Marketingzug von H&M selbst handeln würde. Aus Fake-Logos wurden Fake-Bands und ehe man sich versah, hatten Horden langhaariger Internetkrieger schon ihr Corpse Paint-Schminkset aus dem Keller geholt und den Benzinkanister gefüllt, um gegen den Konzern in den Krieg zu ziehen.

H&M Strong Scene Production

Die Finte war perfekt. In der Pressemitteilung spricht Sorvali davon, dass sich Strong Scene Productions ( das Fake-Label) sehr freuen würde, dass Hennes und Mauritz nun Merch von den „legendären“ Bands Lany, Mortus, Mystic Triangle, Motmros, Grey und The One vertreiben würde . Alles Bands, die ihr Wirken zum Großteil angeblich irgendwann im dunklen Pre-Internet-Zeitalter so zwischen 1986 und 1990 hatten. Um dem Fake noch mehr Gewicht zu verliehen wurde sogar ein ultra trashige Label-Homepage im 90ies-Style online gestellt, in welcher komplette Bandbiografien aus dem Boden gestampft wurden. Zusätzlich gibt es noch eine MySpace-Seite und wäre das nicht noch genug, so hat man sogar Songs der Bands aufgenommen, die genauso klingen, wie Underground-Metal klingen muss. Nämlich so als ob der Drummer mit einem Kantholz im Treppenhaus gegen das Geländer geschlagen hat, während irgendein Kumpel dazu schreit und das Ganze mit der Diktierfunktion eines Sony Ericsson W810i aufnimmt. Um H&M noch richtig in die PR-Suppe zu spucken hat man aus Lany eben mal eine NSBM-Band mit Nazi-Logos gemacht, was jedoch sehr schnell wieder entfernt wurde. Insgesamt deutete alles darauf hin, dass H&M hier echt viel Geld und Liebe fürs Detail in die Hand genommen hat, nur um ein paar Klamotten zu verkaufen. Das Trolling lief genau nach Plan und die Kommentarspalten explodierten.

Nun ist das Trolling jedoch ans Tageslicht gekommen und vermutlich werden keine H&M-Filialen mit einem geopferten Lamm vor der Tür anfangen zu brennen. Aber was sagt uns diese Form der Kritik an H&M?

Sie zeigt uns, dass eingefleischte Metalheads sich immer noch für etwas besseres halten, weil sie eben Bands hören die ihr Wirken hatten, als sich der Großteil von uns noch ein Fisher Price Piratenschiff zu Weihnachten gewünscht hat. Zusätzlich sehen sie es als ihr Alleinrecht an, diese Bands zu mögen und zu zelebrieren.  Sobald jemand kommt der dieses Thema auch nur streift, wird Gift und Galle gespuckt. Doch auf der anderen Seite hat diese Kritik durchaus auch eine Daseinsberechtigung und irgendwo kann man die aufgebrachte Metal-Community verstehen. Underground-Metal kommt aus einer Zeit, als in Norwegen noch regelmäßig Kirchen gebrannt haben und Eltern mit ihrem Kind zum Therapeuten gegangen sind, wenn es Death gehört hat. Diese extreme Form der Abgrenzung zum Mainstream wurde sehr bewusst gewählt und reflektiert die innere Einstellung der Fans. Ein „Fick dich“ ins Gesicht der Gesellschaft, ausgedrückt durch absolut unangepasste Musik. Nun kommt jedoch ein Unternehmen, welches in Sachen „Mainstream“ seines Gleichens sucht, und nimmt den Dresscode dieser kleinen alternativen Subkultur und macht es einer breiten Masse zugänglich. Klar ist man da angepisst. Doch insgesamt hätte man sein Gesicht wahren und erwachsener gegenüber H&M reagieren können.

Durch diese Internet-Wut wurde lediglich wieder einmal gezeigt, dass Kuttenträger sich fast ausschließlich in den Extremen von „elitäre Arschlöcher“ oder „Poser“ bewegen. Interessanterweise löste die Fake-NSBM-Band  weit weniger Protest gegen den Moderiesen aus als ich es mir gewünscht hätte. Die eigene Ehre und das Beschützen der Untergrund-Szene waren scheinbar wichtiger als eine geschlossene Meinung gegen jede Form von Faschismus und Intoleranz. Insgesamt wäre es erwachsen gewesen, eben das zu tun, was man durch die Abgrenzung vom Mainstream eh schon tut: Keinen Fick geben. So sind wir aber alle einem Internet-Troll auf den Leim gegangen und müssen uns das jetzt von arroganten Bloggern vorhalten lassen. Das Fazit: H&M ist doof, Henri Sorvali ist doof (und gerissen), Untergrund-Metal-Fans sind doof und auch ich bin doof, da ich zu Anfang genauso auf die Farce hereingefallen bin. Deswegen fühle ich mich jetzt schlecht und hasse das Internet.

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