Kollegah

Impericon goes Kollegah


Als Hardcore- und Metalcore-Hörer ein Hip Hop-Konzert zu besuchen ist ein wenig wie „Schwiegertochter gesucht“ schauen. Es ist extrem unterhaltsam, aber um den strafenden Blicken eures sozialen Umfeldes zu entgehen, würdet ihr niemals öffentlich zugeben, dass ihr auf so einer Show zu Besuch wart. Insgeheim steht man aber tierisch auf den Fremdschäm-Faktor und lacht gerne über das tiefliegende Niveau anderer Menschen, weshalb man dann eben einfach heimlich hingeht. Moralisch fragwürdig? Auf jeden Fall, aber wie sagt ein Sprichwort so schön: „Don’t hate the player, hate the game!“ Um euch mal ein wenige über den Tellerrand blicken zu lassen war Impericon zu Besuch auf einem Kollegah-Konzert und bietet euch hier einen kleinen Einblick, wie der Abend so war:

Das Leben in der studentischen Kleinstadt hat seinen Charme, doch mittlerweile schnürt mir die muffige Atmosphäre öfter als mir lieb ist die Luft ab. Vor einigen Wochen jedoch kam meine Rettung in Form einer WhatsApp-Nachricht aus dem Impericon-Hauptquartier. Inhalt: „ Yo, Am Freitag spielt Kollegah in Leipzig, Bock?“ Ich dachte ich lese nicht richtig: Der Boss, den ich seit seiner Zeit in der RBA ( 2005 ) rauf und runter höre und dessen Bizeps mittlerweile mehr wiegt als Kind im Alter zwischen 8 und 10 Jahre spielt in Leipzig, nur einen Steinwurf weit entfernt von mir?! Vor lauter Freude und Aufregung bekam ich Kreislaufprobleme die selbst kreischerfahrene Justin Bieber-Fans aus den Socken gehauen hätten. Als Musikblogger/Hipster habe ich aber einen Ruf zu verlieren und muss mich ständig wie ein elitäres abgeklärtes Arschloch benehmen und so schrie zwar jede Faser meines Körpers „SWAG!“, meine Antwort hingegen fiel aber mit: „Jo, läuft.“ relativ knapp aus. Retroperspektivisch muss ich sagen, dass ich einen ziemlich coolen Abend hatte:

 

Das Publikum

Kommen wir zum Publikum. Wusstet ihr, dass Beatdowner, wenn sie nicht gerade darüber diskutieren wie true sie selbst sind und wie untrue alle anderen sind, auf Kollegah-Konzerten abhängen? Ich glaube es hätte mich weitaus weniger irritiert, wenn Thilo Sarrazin in einem Bushido-Video aufgetreten wäre, als, dass solche Leute auf so einer Show aufkreuzen, aber man lernt halt nie aus. Diese vertrauten Gesichter wecken ein heimisches Gefühl auf so einer völlig genrefremden Veranstaltung, aber was gehen abseits davon sonst noch so für Leute auf diese Art von Konzert? Kollegah macht es mir hier sehr einfach, denn er hat während seines Auftritts einige Fragen ans Publikum gerichtet, die euch einen guten Einblick in die Zusammensetzung der Besucher geben.

Gleich die erste Frage „ Wer von euch geht ins Fitnessstudio?“ bringt den Raum zum explodieren und 75 % der Besucher reißen die Arme in die Luft, grölen und präsentieren dabei ihre perfekt gebräunten Oberarme. Wäre an diesem Abend die Konzerthalle mit dem komplett anwesenden Publikum abgebrannt, dann hätten McFit und Sunpoint nächsten Monat vermutlich Insolvenz anmelden müssen. Die zweite Frage ist mit „ Wer macht hier eigentlich Kampfsport?“ schon etwas spezifischer und dementsprechend fällt das Echo auch verhaltener aus. Hier schmeißen nur ungefähr 30 % der Besucher ihre Extremitäten nach oben, jedoch muss ich zugeben, dass ich mich deutlich wohler gefühlt hätte, wenn nicht ungefähr jeder Dritte in diesem Raum mein Leben mit seinen bloßen Händen hätte beenden können. Auf die dritte Frage „ Wer von euch hat Abitur?“ meldet sich nur relativ zaghaft ein kleiner Anteil von gerade mal 10 % zu Wort. Zwar finde ich, dass der Bildungsgrad eines Menschen gar nichts über eine Person aussagt, jedoch wurde jeder, der sich hier als „Ich war mal Gemnasium, Digga!“ outete sofort sträflich von der Seite gemustert. Vielleicht fehlinterpretiere ich die Blicke der restlichen 90 % aber auch nur und sie haben lediglich gecheckt, ob es sich lohnt den Streber abzuziehen.

Das Testosteron-Level auf der Show war ähnlich hoch wie in der Männerumkleide der Rugby-Nationalmannschaft, aber immerhin schafften es auch einige Frauen auf das Konzert ( Anteil so um die 30 %), was ich bei Zeilen wie: „ Ihr sagt, dass ich frauenverachtend bin? Warum? Nur weil der Arbeitsplatz meiner Frauen Daunenmatratzen sind?“ ( „Bossrapper“ Jahr: 2006 ) eigentlich nicht erwartet hätte. Was euch beim Besuch eines solchen Konzertes definitiv irritieren wird, ist die geringe Verbreitung von Merchandise im Vergleich zu anderen Musikrichtungen. So ist es in der Hip Hop-Szene relativ unüblich Shirts seiner Idole zu tragen und während auf Hardcore-Shows am Merchstand meist mehr los ist als an der Wurstbude auf dem Weihnachtsmarkt, so war der Stand auf der Kollegah-Show irgendwie traurig verlassen. Witzigerweise habe ich einen Besucher-Typ aus unserem Artikel „Diese Menschen triffst du auf jeder Hardcore-Show Teil II“ viel häufiger als sonst gesehen: Das Kameramädchen / Der Kamerajunge.

 

Die Show

Als ich in die Pubertät kam veränderte sich nicht nur mein Hautbild, sondern auch mein Musikgeschmack zunehmend zum Schlechteren. Auf diese Weise fand ich meinen Weg zum deutschen Rap und verlor Schritt für Schritt die Fähigkeit, mich wie ein normales Mitglied der Gesellschaft zu artikulieren. Teilweise leide ich auch noch heute unter der ein oder anderen sprachlichen Entgleisung. Die Einzigen die mich so akzeptierten war natürlich die Hip Hop-Szene und als Teil der Szene war ich in meiner Jugend auf vielen Rap-Konzerten zu Gast. Meine ganz persönliche Meinung: Im Vergleich zu Hardcore-Shows sind diese einfach nur erbärmlich langweilig. Ob ich in einer „Öffentliches Recht“-Vorlesung in der letzten Reihe sitze und Flappy Bird auf dem Handy  zocke oder auf einem Hip Hop-Konzert diese bouncige Armbewegung mache und dabei „Hip! *Pause* Hop!“ rufe, macht actionmäßig betrachtet keinen wirklichen Unterschied.

Jedoch war die Show, die der Boss in Leipzig geliefert hat, komplett anders als das, was ich bisher gewohnt war. Kollegah präsentierte ein innovatives Zusammenspiel aus Videoinstallation, Rap und kleinen „Schauspiel“-Einlagen auf der Bühne, wodurch ein stimmiges Entertainment-Paket entstand. So eine Art Konzert habe ich bis dato noch nicht erlebt und statt abzugehen habe ich einfach viel gelacht und gebounct. War mal was anderes und grundlegend wäre es wünschenswert, dass sich auch harte Bands mal trauen würden eine Show abseits des typischen Frontal-Konzertes, mit den bekannten Klischee-Phrasen im Stil von: “ Habt ihr Bock? ICH HABE GEFRAGT: HABT. IHR. BOCK?!“, zu spielen. Doch trotz grandioser Unterhaltung war die Energie im Raum, wie üblich auf solchen Veranstaltungen, eher mäßig und nicht zu vergleichen mit einem guten Moshpit. Zwar gab es einige Kracher-Songs wie „ Breiter als der Türsteher“, „Lamborghini Kickdown“ und „Ak’s im Wandschrank“, die das Dach abgerissen haben, jedoch war es abseits von diesen Tracks so, dass man passiv da stand und die Bühne beobachtet hat. Im Vergleich zu einer Metalcore-Show,wo im Pit mehr Endorphine freigesetzt werden als beim Konsum von 3 Kilogramm Kokain, ist das natürlich eher mittelmäßige Unterhaltung und könnte euch etwas langweilig vorkommen.

 

 

Für mich war dieser Auftritt das beste Hip Hop-Konzert , was ich bis dahin gesehen habe und für mich hat sich der Abend mehr als gelohnt. Falls ihr noch nie auf einem Rap-Konzert wart, dann habt ihr jetzt eine grobe Idee, wie sowas abläuft. Falls ihr jedoch schon einmal auf so einer Show zu Gast gewesen seid, dann will ich es in den Kommentaren wissen. Wie fandet ihr es?

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