Impericon – How To Be Hardcore: Musikgenres Teil 2


Im ersten Teil von „How to be Hardcore: Musikgenres“  war ja schon klar, dass noch ein weiterer Artikel folgen muss, um wenigstens alle halbwegs relevanten Genres abzugrenzen. Also habe ich mir alle meine CDs geschnappt und habe die komplette Woche mit einem Kasten Club Mate im Keller verbracht, um euch folgende Einsichten zu liefern:

Melodic Hardcore

Interessanterweise entstand Melodic Hardcore ungefähr gleichzeitig mit regulärem Hardcore und hat seine Wurzel, wie eben dieser, in der Punk-Bewegung. Um herauszufinden worin sich Melodic Hardcore von herkömmlichem Hardcore unterscheidet, braucht man keinen Doktortitel in Musikwissenschaften. Wie der Name schon verrät nimmt dieses Genre normalen Hardcore und fügt noch Gesang und melodische Gitarrenriffs hinzu. Lyrisch bewegt sich dieses Sparte meistens etwas weiter links und politische Themen standen stärker im Vordergrund, als beim größeren Bruder. Besonders in der Anfangszeit legten Bands enormen Wert auf politische Substanz und Idealismus. Gruppen wie Rise Against und Ignite hatten zwar echt hässliche Punk-Frisuren, wollten aber die Welt ein Stückchen besser machen. Doch die Zeit hat auch vor diesem Genre keinen Halt gemacht und so haben moderne Melodic Hardcore-Bands schöne Frisuren, behandeln thematisch aber eher emotionalen Abfall statt sozialem Abfall. Die Bandbreite umfasst dabei die persönlichen Katastrophen des 21. Jahrhunderts: Trennung, Einsamkeit und komplett verbrauchtes Datenvolumen in der Mitte des Monats.

Hörenswertes Beispiel:


Post Hardcore

Das vorangestellte Wort „Post“ bezeichnet immer Dinge, die sich gerne von etwas abgespalten hätten, es aber nicht ganz geschafft haben. Postmoderne, Postdemokratie und natürlich Post Hardcore. Dieser hat sich Mitte der 80er aus Hardcore heraus entwickelt, indem Bands Genregrenzen überwunden haben und allerlei künstlerisches Zeug haben einfließen lassen. Heutzutage ist es immer etwas schwierig Post Hardcore wirklich ausfindig zu machen, da durch einen herben Metaleinschlag Metalcore und Post Hardcore sich oft sehr ähnlich sind. Post Hardcore-Jünger sind Hipster durch und durch und dementsprechend sehr darauf bedacht, dass man ihre Kunst ja nicht einordnen kann. Das wäre ja voll Mainstream und die Komplexität ihrer Wollmütze und ihres Instagram-Accounts passt eben in keine Schublade. Vor wenigen Jahren kam in der Postcore-Szene eine Trendwende hin zu elektronischen Stilmitteln, was Normalsterblichen selbst nach 5 Runden Pfeffi die Möglichkeit gibt, eine Band zweifelsfrei als Post Hardcore-Band zu identifizieren.

Hörenswertes Beispiel:

Djent

Bevor ihr euch jetzt die Zunge brecht: Das „D“ in „Djent“ ist stumm und so spricht man es SCHIJENT und nicht DSCHI-JENT aus, was sehr wichtig ist, falls ihr euch mal mit jemanden darüber unterhalten solltet. Falls ihr es nicht richtig aussprechen könnt, dann werden Djent-Kids verächtlich ausschnauben und euch schlagartig wie einen 4 Jährigen behandeln. Der Name beschreibt ein spezielles Geräusch eines bestimmten Gitarren-Akkords, der auch Hauptstilmittel im Djent ist. Nun müsst ihr euch vorstellen, dass sich Metalcore und Progressive Metal getroffen haben und ein Kind bekommen haben. Da nach der Jahrtausendwende cool klingende Namen angesagt waren, konnte man sein Kind natürlich nicht einfach Technical Metalcore nennen, sondern man brauchte etwas was frech, frisch und irgendwie nach „American Way of Life“ klingt: Djent war geboren.  Dieses Genre ist genau der richtige Musikstil für euch, falls ihr andere Menschen hasst, denn bei Djent kann eine einzelne Person eine komplette Band ersetzen und in 5 Jahren gibt es sicherlich auch eine App, die dann noch den einzelnen Menschen überflüssig macht. Wie geht das? Die Drums werden mithilfe eines Drumcomputers erzeugt, die Gitarrenspuren kann man separat aufnehmen und Vocals sind nicht immer Bestandteil von Djent. Richtig gelesen: Schlagzeuger können von einem Computer, der irgendwo bei Foxconn für einen Hungerlohn zusammengeschustert wird, ersetzt werden. Herzlichen Glückwunsch, falls ihr seit eurem 12. Lebensjahr nichts anderes gemacht habt, als 8 Stunden am Tag an eurem Schlagzeug zu üben. Doch was hier relativ einfach klingt, ist an sich ein sehr komplexes Spiel. Um Teil einer Djent-Band zu sein braucht ihr 12 Finger, mindestens 5.000 Magic-Karten im Schrank und einen IQ jenseits der 165. Was nach enormen Anforderungen klingt, ist aber wirklich notwendig, denn nicht nur die Beschreibung von Djent ist komplex, auch die Musik ist so, als ob man das emotionale Innenleben eines Teenagers vertonen würde: Kompliziert und vollkommen unverständlich. Lieder dieser Stilrichtung haben meistens eine Spieldauer zwischen 7 und 28 Minuten, in denen ein Gitarrensolo das Nächste jagt, was nur einen einzigen Zweck hat: Man zeigt der ganzen Djent-Crowd, wer hier den dicksten Djent-Knüppel hat, also quasi Battle-Rap für Metal-Nerds.

Hörenswertes Beispiel:

Beatdown

Wenn Hardcore eine Familie ist, dann ist Beatdown das verhaltensgestörte Kind, welches im Supermarkt vor Wut auf den Boden kotzt, seinen Namen mit Ketchup auf den Teppich schreibt und an schlechten Tagen auch gerne mal in die Wand beißt. Musikalisch besticht Beatdown durch eine erkennbar langsamere Spielart und einen wesentlich schwereren Sound. Dies erzeugt irgendwie eine besonders aggressive Stimmung, wodurch es in Beatdown Pits meistens ordentlich zur Sache geht. Während in der „normalen“ Szene noch eifrig diskutiert wird, ob Crowdkilling ok ist, so besteht auf Beatdown-Gigs lediglich die Frage, wie hart man die Crowd killen sollte. Dies liegt daran, dass Beatdowner nicht nur die härtesten, truesten und one crewsten sind, sondern auch jedem zeigen müssen, wie hart, true und one crew sie sind. Keiner geht härter in den Pit und was bitte ist mehr True One Crew als einem Unbeteiligten voll in die Fresse zu hauen? Zitat: „Was heult der da bitte rum, SOLL DIE PUSSY DOCH ZUHAUSE BLEIBEN!“ Beatdowner erkennt man oftmals recht schnell. Sie tragen Shirts ihrer Crew, haben ein Septum in der Gewichtsklasse eines Neugeborenen und Tunnel wo locker ein gut dressierter Chihuahua durchspringen kann. Beatdown war anfänglich dazu gedacht, metallischen Hardcore noch moshbarer zu machen, was ihnen durchaus gelungen ist. Gleichzeitig hat es aber versucht sich innerhalb der Hardcore-Szene abzuspalten, also die Abspaltung der Abspaltung. Und auch wenn mich die Beatdown-Fans jetzt hassen werden und in den Kommentaren ausfallend: Die eingeschlagene Richtung führte viele Bands einfach in eine Stumpfheit ohne jeglichen künstlerischen Mehrwert, obwohl es eben auch ganz anders geht. Einige Beatdown-Bands experimentieren mit Rap, was ein unglaubliches brach liegendes Potential hat und in Zukunft richtig durch die Decke gehen könnte, wenn diese Szene nicht nur mit Real keepen und true sein beschäftigt wäre. Es gibt definitiv großartige Beatdown-Bands, es gibt definitiv (viele) richtig schlechte Beatdown-Bands, nur die durchschnittlichen Bands gibt es irgendwie nicht. Man kann das ein wenig mit manischer Depression vergleichen, wo es auch nur Höhen und Tiefen, aber nie einen Normalzustand, gibt. Fangt übrigens niemals eine Diskussion mit Beatdownern an, denn durch die interne Abspaltung ist die „Elitäre-Arschloch-Quote“ in diesem Genre besonders hoch, was eine Debatte auf Augenhöhe leider unmöglich macht.

Hörenswertes Beispiel:


Natürlich lässt sich nicht jede Band in so etwas wie ein Genre pressen, aber man muss Genregrenzen kennen, um zu erkennen, wann sie überschritten werden und wann etwas wirklich Neues entsteht. Mit diesem kleinen Guide seid ihr für jede Konzert-Diskussion gewappnet und könnt schlau mitreden, selbst wenn ihr absolut keine Ahnung habt, so wie ich das immer mache.

 

Kommentare