Interview mit Casey: „Für mich ist die Stimme nur ein Instrument, die Lyrics sind das wirklich Wichtige“


LOVE IS NOT ENOUGH war mein persönliches Album des Jahres 2016 – umso gespannter war ich, was Tom Weaver, Frontmann von Casey, über den Prozess ihres zweiten Releases WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING (VÖ: 16. März) zu sagen hatte…

Euer Debütalbum LOVE IS NOT ENOUGH ist jetzt etwa eineinhalb Jahre alt und ich glaube, man kann schon sagen, dass es ein großer Erfolg war. Habt ihr euch deshalb mit dem zweiten Album unter Druck gesetzt gefühlt?

Eigentlich gar nicht. Es war unsere Entscheidung, so früh nach dem ersten Release ein zweites Album zu veröffentlichen und wir haben den Prozess des Schreibens und Aufnehmens ganz bewusst vor unseren Fans „geheim“ gehalten, um sicherzugehen, dass wir dabei wirklich nur unsere eigenen Erwartungen im Blick haben. Ich weiß, dass viele Künstler sagen, ihr „Sophomore Album“ (Anm.: also das zweite) wäre immer das schwerste, vor allem wenn das erste gut angekommen ist, aber ehrlich gesagt sind wir die ganze Sache ziemlich entspannt angegangen.

Preorder Casey WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING

Kannst du trotzdem noch etwas über den Entstehungsprozess von WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING erzählen? Wie hat er sich vom letzten Album unterschieden? 

Im Sommer haben wir beschlossen, das neue Album in Angriff zu nehmen und schon im August fingen wir an, uns richtig auf das Schreiben zu konzentrieren. Also hatten wir in der Hinsicht sehr viel weniger Zeit, die Songs zu „bauen“ und wir waren während des Schreibprozesses auch sehr viel öfter getrennt. Was manchmal etwas strange war, weil wir es einfach gewohnt sind, als Kollektiv zu schreiben. Trotzdem war der Recording-Prozess an sich viel viel einfacher bei dem Album. Unser Producer Brad Wood ist einfach großartig, mit ihm dieses Album aufzunehmen war eine große Freude und wir fühlten uns währenddessen eigentlich nie gestresst oder so.

Und – wenn ich das fragen darf: Was hat sich für dich persönlich seit dem Release des ersten Albums geändert, auch was deinen mentalen Zustand angeht? 

An meinen persönlichen Umständen hat sich ehrlich gesagt nicht wirklich viel geändert. Alle Texte, die ich schreibe, erzählen rückblickend von meinen Erlebnissen und Gedanken. Ich habe echt Schwierigkeiten, die Dinge in Worte zu fassen, wenn sie passieren, aber ich finde es sehr viel produktiver, diese Erfahrungen im Nachhinein, wenn ich mich schon mit ihnen auseinandergesetzt habe, kreativ zu bewerten. Als Band hat sich unser Horizont definitiv erweitert, wir haben mit Bands außerhalb unserer eigentlichen „Zielgruppe“ getourt und ich glaube das hat enorm dabei geholfen, unser Selbstbild und unser Selbstbewusstsein zu stärken.

Ein Unterschied zu LOVE IS NOT ENOUGH: Du singst auf dem neuen Album sehr viel mehr als „nur“ zu screamen – wie kam es dazu und wie hast du dich dabei gefühlt? 

Ich weiß, dass viele Sänger Schreie nutzen, um Intensität oder Leidenschaft auszudrücken, aber ich fühle mich eigentlich wohler damit, einfach nur Leidenschaft auszudrücken EGAL ob ich schreibe oder singe. Für mich ist die Stimme nur ein Instrument, die Lyrics sind das wirklich Wichtige.

Ich bin tatsächlich ein großer Fan deines Twitter-Accounts und habe dort den folgenden Tweet gelesen: „Our labels have no influence on the music we make. We’ll start writing pop bangers if we fucking feel like it.“ Was hat dich dazu gebracht, diesen Tweet zu schreiben?

Als wir verkündeten, dass wir zu Rise Records gehen, wusste ich, dass das für jede Menge Kritik sorgen könnte, sowohl von unseren Fans als auch von Leuten, die anderen Rise-Bands folgen und uns zum ersten Mal hören würden. Natürlich gab es auch ein paar Kommentare, dass wir bestimmt unseren Sound für das größere Label verändern würden oder wir ab sofort „Generic Metalcore“ machen würden, einfach weil viele immer noch das Klischee der Rise Records-Bands aus dem Jahr 2007 im Kopf haben. Wir haben noch nie irgendwelche Ratschläge bezüglich unser künstlerischen Weiterentwicklung angenommen, insbesondere nicht von Labels und ich glaube, das werden wir auch nie tun. Hassle Records hat unsere kreative Eigenständigkeit vom ersten Moment an unterstützt und das haben wir auch in den Gesprächen mit Rise immer wieder betont. Wenn der Tag kommt, an dem wir eine Pop Band sein wollen, dann hat das niemand außer uns zu entscheiden.

Jetzt zwei Fragen von unseren Twitter-Followern. Nummer 1: Gibt es eine Fan-Geschichte, die dich besonders berührt hat? 

Ein Pärchen hatte einen Casey-Song als Musik für ihren Hochzeitstanz, das hat mich irgendwie besonders berührt, weil ich den Song dafür niemals im Kopf gehabt hätte. Ich hatte auch schon lange Gespräche mit Leuten über brüchige Knochen und die Krankheit Colitis ulcerosa (Anm.: eine chronische Erkrankung des Dickdarms), was mir viel bedeutet, weil es sind Krankheiten, die weitgehend unbemerkt bleiben.

Und noch eine Twitter-Frage: Welche Bands hört ihr regelmäßig und welche haben euch vielleicht auch beim neuen Album beeinflusst? 

Es gibt eigentlich gar nicht so viele Bands, die wir als Kollektiv hören. Pianos Become The Teeth ist definitiv eine davon und wir feiern alle ihr neues Album. Ich kann nicht für Toby sprechen, aber der Rest findet auch die zwei neuen Drake-Songs ziemlich cool. Die Anderen können auch dem neuen Don Broco-Album viel abgewinnen, aber das ist nicht so wirklich mein Ding. Wenn es um Bands geht, die uns beeinflusst haben, ist die Liste verdammt lang: The Paper Kites, POS, This Will Destroy You, Touché Amoré, Foreign Tongues, Balance and Composure, Microwave, Basement, Pianos Become The Teeth, Lydia, Dessa, etc, etc.

Und jetzt die letzte Frage von meiner Seite: Wenn du einen Song vom neuen Album wählen müsstest, der dir besonders viel bedeutet: Welcher wäre es und kannst du uns die Geschichte dazu erzählen? 

Ich glaube es wäre „Wound“, der letzte Song des Albums, weil er wahrscheinlich von den Lyrics her der intimste ist, den ich je geschrieben habe. Er ist ein Schuldeingeständnis für selbstsüchtiges Verhalten, das ich genutzt habe, um mit meinen mentalen und auch körperlichen Erkrankungen klarzukommen. Der Song gibt Einblick in eine Erfahrung, die mir wirklich die Augen geöffnet hat, wie schlecht es um meine Gesundheit steht – jetzt werde ich aber nicht mehr weiter erzählen, um nichts zu spoilern haha…

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