Interview mit Chuck Ragan (Hot Water Music): „Ich glaube, die Band auf Eis zu legen war das Wichtigste, was wir je gemacht haben.“


Mittwochnacht, 22:45 Uhr. Eigentlich würde ich jetzt mit Jogginghose auf der Couch sitzen und über meinen Instagram-Feed irgendeine x-beliebige Netflix-Serie ignorieren. Stattdessen sitze ich in Jogginghose auf der Couch, habe Netflix stummgeschaltet – und telefoniere mit Chuck Ragan. Der Hot Water Music-Frontmann spricht an diesem Abend mit mehreren deutschen Medien über den Release ihres kommenden Albums LIGHT IT UP (VÖ am 15. September 2017).

Inspiriert von ihrem aktuellen Video „Vultures“, in dem die Band die Nostalgie-Schiene fährt und Material der ersten Shows zeigt, wollte ich von Chuck (dessen Stimme übrigens am Telefon genauso beeindruckend klingt wie „in echt“) wissen: Welche Momente eurer mittlerweile 24-jährigen Bandkarriere sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Ihr habt in den letzten Jahren die eine oder andere Show gespielt – kannst du darunter eine nennen, die du als DAS beste Konzert in Erinnerung hast?

(schweigt) Oh. Wow.

Ich weiß, nicht gerade eine einfache erste Frage…

Das ist wirklich eine schwierige Frage. Weißt du, wir hatten so viele großartige Shows, die sowas wie Wendepunkte in unserem Leben waren. Eine, die mir da sofort einfällt, ist die Show im Hardback Café, die wir auch aufgenommen und später als LIVE AT THE HARDBACK (1999) rausgebracht haben. Kurz vor der Show waren wir auf großer Tour, ich glaube für FOREVER AND COUNTING (1997) und wir haben uns zusammengesetzt – das muss in einem Treppenhaus irgendwo in München gewesen sein – und entschieden, dass wir uns auflösen würden. No Idea Records wollte dann, dass wir eine letzte Show spielen und das aufnehmen. Das Hardback war sowas wie unser zweites Zuhause, also wollten wir die Show da machen – und das sollte es dann auch gewesen sein. Wir haben eine Pause eingelegt, ein paar Monate einfach nur unser Ding gemacht. Und dann haben wir uns wieder getroffen, Pool gespielt, ein paar Bierchen zusammen getrunken. Als wir so zusammen saßen, haben wir entschieden, uns mal zu treffen, um für diese letzte Show zu proben – und dabei entstanden plötzlich neue Songs. Irgendwie begann also mit dieser letzten Show ein neues Kapitel der Band. Ich glaube, die Band auf Eis zu Legen war das wichtigste, was wir je gemacht haben. Zu der Zeit waren wir einfach kaputt, wir wollten keine Zeit zusammen verbringen und haben uns gestritten.

Kannst du dich auch noch an den traurigsten Moment in deiner Zeit bei Hot Water Music erinnern? 

Wir haben in all den Jahren sehr viele wunderbare Menschen getroffen, auf der ganzen Welt verteilt. Und ich kann gar nicht genug betonen, wie diese Menschen unser Leben beeinflusst und verändert haben. Aber über die Jahre haben wir – genauso wie jeder andere Mensch – auch Freunde verloren, durch Unfälle, leider aber auch durch Selbstmord. Es ist öfter passiert, also kann ich mir leider nicht einen Moment raussuchen, der irgendwie trauriger gewesen wäre als der andere.

Und von all den Bands, die du getroffen hast über die Zeit: An welche Begegnung mit anderen Musikern erinnerst du dich am liebsten zurück? 

In den ersten Jahren hat uns vor allem eine Band namens Avail ziemlich stark beeinflusst. Wir haben uns in ihre Musik und ihre Szene verliebt, ihre Heimatstadt Richmond, Virginia. Wir waren zuerst Fans der Band und wurden dann Freunde. Avail waren für uns sowas wie große Brüder, die uns an die Hand genommen und beigebracht haben, wie man tourt. Sie sind alle ein bisschen älter als wir und länger im Geschäft, also konnten sie uns Grashüpfern auch was beibringen (lacht).

Neben anderen Bands hast du bestimmt auch jede Menge Fans getroffen und mit ihnen gesprochen. Gibt es eine Geschichte, an die du dich besonders erinnerst? 

Preorder Hot Water MusicOh man… auch da gab es so viele. Ich hatte einen Freund, der auch schon nicht mehr unter uns ist. Bevor er starb, hat mich seine Familie zu sich nach Hause eingeladen, um ihn in seinen letzten Stunden zu sehen und mit ihm zu sprechen. Gott sei Dank habe ich es geschafft, bevor seine Zeit abgelaufen ist. Er konnte zwar kaum mehr sprechen, aber ich konnte ihn verstehen und er machte mir klar… (seine Stimme klingt tränenerstickt)... sorry, aber das ist echt nicht einfach für mich… er hat mir versichert, wie wichtig die Musik für ihn war und wie viel es ihm bedeutet habe, die Band zu entdecken. Dass die Songs über Jahre hinweg sein Leben gerettet hätten. Ich saß eine Weile mit ihm zusammen, habe ein paar Songs für ihn gespielt. Und als ich gegangen bin, in dem Wissen, dass ich ihn nie wieder treffen würde, nie wieder in der ersten Reihe singen sehen würde… da wurde mir einfach klar, wie wichtig diese Leute für uns als Band sind. Was ihr wirklich verstehen müsst, ist: Wir wären heute nicht die Menschen, die wir wären, wenn es die Fans nicht gäbe und Leute, die an unsere Musik glauben.

Es fühlt sich jetzt irgendwie dumm an, einfach mit der nächsten Frage weiterzumachen… aber: Ihr habt jede Menge Platten veröffentlicht in den letzten Jahren, gab es eine, die im Schreib- und Aufnahmeprozess besonders schwierig war? 

Ja, also… hm… (lange Pause). Ich kann mich daran erinnern, dass CAUTION (2002) ein ziemlich harter Brocken war. Oder war es A FLIGHT AND A CRASH (2001)?! Ach weißt du was, ich glaube es war CAUTION. Wir hatten gerade bei Epitaph unterschrieben, einem Label, das jede Menge Bands im Portfolio hatte, mit denen wir aufgewachsen waren. Und es war mir so verdammt wichtig, einen guten Job zu machen. Aber als ich dran war und meine Vocals aufnehmen sollte… ich habe einen Song gesungen – es war okay. Einen zweiten Song – na ja, geht so. Einen dritten – und ich habe komplett meine Stimme verloren. Komplett. So viele Leute warteten auf mich, verließen sich auf mich und ich habe alle hängen lassen, die Band, das Label, den Producer. Es war ein krasser Moment, wir haben eine Pause eingelegt und unser Producer hat mich nach Boston geschickt zu einem Vocal Coach, der irgendwie meine Stimme auf Vordermann bringen sollte, um diese Platte fertig zu machen. Ich weiß nicht genau wie, aber der Typ hat mir ein paar Dinge gezeigt, ich kam zurück und habe alle Songs in ein paar Tagen eingesungen.

Okay, wir haben noch ein bisschen Zeit übrig und ich hätte eine letzte Frage: Man hört von manchen Bands ja regelrechte Tour-Horrorstories, sei es wegen des schlechten Essens, miesen Tourbussen oder Hotels – was war denn da deine schlimmste Erfahrung? 

(Lacht). Oh. Wow.

So viele? 

Oh ja. So so viele. SO viele. Wir haben in vielen Dreckslöchern geschlafen und gespielt… ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Ich meine das mit dem Essen ist immer so eine Sache, aber wir sind größtenteils nicht besonders wählerisch, was Essen angeht und sind ziemlich dankbar, dass uns überhaupt jemand Essen anbietet. Aber ich kann mich an eine besondere Show erinnern, das muss in New York gewesen sein. Es gab einen Riesen-Stromausfall in vielen Teilen der Stadt und die ganze Venue war dunkel, stockdunkel, mitten unter der Show. Alle kamen sicher raus und ich glaube Chris und ich haben dann irgendwo am Bürgersteig weitergespielt. Aber egal welche Steine uns in den Weg gelegt wurden, man muss einfach immer weiter machen, da wird dir jede Band zustimmen. Wir haben immer das Licht am Ende des Tunnels gesehen und versucht, es in etwas Positives umzuwandeln – manchmal war der einzige Ausweg, die Stadt zu verlassen (lacht) und in die nächste zu fahren – was auch passiert ist.


Danke für das Interview! Die Preorder-Packs zu LIGHT IT UP bekommt ihr hier bei uns im Shop.

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