Nils Destruction Derby/c) Lara Beins

Interview mit Nils, dem Gesicht hinter dem Destruction Derby: „Gute Line Ups ins ostdeutsche Hinterland zu bringen, ist bei weitem nicht einfach“


Es ist schwierig, einem Außenstehenden das Gefühl zu erklären, wenn The Amity Affliction eine Tour mit PVRIS (!) und Beartooth (!!) announcen – in Australien.

Oder die VANS Warped Tour fernab in den Vereinigten Staaten von Amerika in ihrem Line-Up Bands wie Neck Deep, Being As An Ocean und Anti Flag vereint. Nils Sackewitz (29), das Gesicht hinter dem Destruction Derby-Festival, bezeichnet das Gefühl als „Abturn“ – und stellte deshalb Mitte 2012 sein eigenes Festival auf die Beine.

„Ich habe die Story wahrscheinlich schon einige Male erzählt, aber das Derby ist aus meinen eigenen Abturn entstanden, dass ich ein fantastisches Line Up im Internet gesehen habe und eigentlich drauf und dran war, mir Tickets zu bestellen und resigniert feststellen musste, dass das Ganze in UK/USA/FarAwayCountry stattfindet.“

Etwas mehr als fünf Wochen vor dem Festival haben wir mit Nils über die Herausforderungen gesprochen, großartige Line Ups ins „ostdeutsche Hinterland“ zu bringen und seine Erwartungen an die neue Location des Destruction Derbys 2017:

Nils, in ein paar Wochen geht das Destruction Derby in die nächste Runde – wann habt ihr denn damit begonnen, die Ausgabe zu planen?

Also wie die meisten anderen  Festivals schauen auch wir, dass vor dem ersten Ton auf der diesjährigen Show, schon die Absprachen für die nächste Edition getroffen werden. Jeder will früher dran sein als der andere, jeder will seine Schäfchen im Trockenen haben und in diesem Pool müssen auch wir mitschwimmen, wenn wir unser Niveau halten wollen. Denn gute Line Ups ins ostdeutsche Hinterland zu bringen, ist bei weitem nicht einfach. Alle Festivals greifen nach ihren Exklusivitäten, die Bandgagen steigen von Jahr zu Jahr und die Kunst-Manager samt Agenten davon zu überzeugen, dass dein Festival der heiße Shit ist, hat mir bereits auch Einiges abverlangt. Den ganzen Hassle nehme ich aber gerne auf mich, wenn ich dafür sagen kann, dass wir dieses Jahr wieder ein geiles Derby am Start haben und ich denke das haben wir.

Jetzt wird das Derby in diesem Jahr nicht mehr auf Wasserburg Rosslau stattfinden – wie kam die Idee zustande, die Location zu wechseln? 

Es war wohl mehr eine Entscheidung als eine Idee. Ein Hardcore-Festival in einer beschaulichen Kleinstadt zu veranstalten, birgt immer gewisse Reibungspunkte. Anwohnerbeschwerden standen hier seit dem ersten Tag für uns auf der Tagesordnung. Unsere Bands wurden teilweise als „Schlimmer wie Baustellenlärm“ beschrieben und ich hatte das Gefühl, dass wir es oft schwerer hatten, nur weil die Art der Musik den Leuten nicht passt. Natürlich gab es auch viele tolle Leute in den Ämtern, die uns immer den Rücken gestärkt haben, aber so richtig willkommen waren wir wohl bei der breiten Bürgerschaft nicht. Hinzu kam das große Platzproblem, wenn es um unsere Bands ging: Ein Nightliner zu viel, ein Backline-Trailer mehr und uns hat jedes Mal eine logistische Katastrophe gedroht. Kurzfristig angekündigte Baustellen an der Location oder besonders schwierige Mitarbeiter des lokalen Grünflächenamtes, die sich um ein paar umgeknickte Grashalme sorgten, verschärften das Ganze enorm. Nach x Terminen, Kompromissen und Ämter-Runden war uns klar: Wir müssen da weg.

Destruction Derby 2017

Und wie war die Suche nach einem neuen Austragungsort für euch? 

Die empfand ich eigentlich als sehr angenehm, weil ich dachte „Mega, das Baby bekommt ein neues Gewand“.  Nach drei bis vier potentiellen Locations sind wir dann in Allstedt gelandet und uns war relativ schnell klar, dass hier das Derby Derby sein kann. Wir haben Platz, es ist idyllisch, die Ämter-Auflagen sind im Vergleich zu Roßlau mehr als easy und wir haben die Gelegenheit, dem fünften Destruction Derby ein neues Gesicht zu geben.

In der Vergangenheit haben Festivalfans auf Locationwechsel oft ziemlich allergisch reagiert – siehe With Full Force – hattet oder habt ihr da auch Bedenken, was auf euch zukommen könnte? 

Ja klar, bei jeder größeren Entscheidung habe ich einen Riesen-Bammel und fürchte, die Leute werden uns in der Luft zerreißen. Über die Jahre habe ich aber  gelernt, dass die Kids gar nicht so zornig über Veränderungen sind, wenn man ihnen diese erklärt und begründet. Unter dem Strich ist es unser Ziel, dem Gast ein affengeiles Wochenende hinzustellen, das ist die oberste Philosophie bei all unseren Entscheidungen und bis dahin sind wir mit damit immer richtig gefahren.

Was ich am Derby im letzten Jahr so großartig fand, war der familiäre Charakter – ist der bei so einer neuen, größeren Location nicht in Gefahr? 

Ich glaube hier muss ich etwas ausholen. Ich geh seit ich 15 bin auf kleine Shows, ich habe Yellowcard, My Chemical Romance oder Taking Back Sunday vor weniger als 100 Gästen erleben dürfen und solche Erfahrungen waren für mich immer das pure Non-Plus-Ultra, was Konzerte angeht. Ich glaube vielen Kids geht es hier ähnlich und mit diesem Feeling gehe ich auch an die Festival-Planung. Das Ganze hat natürlich seine Grenzen, gerade wenn mehrere Tausend Gäste auf deine Show kommen und du verpflichtet bist für die Sicherheit Aller zu sorgen. Allerdings sollen die Vibes auch weiterhin stimmen, für Bands und Gäste. Bühnen und Absperrungen werden auch in diesem Jahr keine Rock am Ring Formate annehmen, das Gelände wird viele gemütliche Spots zum Chillen, Abhängen und Feiern bieten und der Von-Fans-Für-Fans-Charakter ist auch weiterhin Derby-Message. Durch den Umzug können wir dieses Jahr auch endlich den Wunsch nach einem  Party-Floor erfüllen.

Jetzt aber mal Butter bei die Fische: Wie schafft ihr es als vergleichsweise kleines Festival, so große Namen für das Line Up ranzuholen? 

Das Geheimnis lautet eigentlich nur: Dran bleiben. Wir haben keine großen Förderer und hinter dem Derby steht auch wirklich nur ein kleines Team. Wir wollten dieses Festival aber seit dem ersten Tag mit eisernen Willen durchziehen und haben viel daran Arbeit investiert, um unsere Künstler zu bekommen. Mittlerweile profitieren wir auch von dem guten Feedback der letzten Jahre, aber unter dem Strich heißt es immer noch: Arsch aufreißen und am Ball bleiben. Ein Festival zu planen und durchzuführen ist jedes Jahr ein langer steiniger Weg, gerade wenn dein Team nur aus wenigen Mitstreitern besteht und du einfach lernen musst, ein fleischgewordener Problem-Löser zu werden. Ich habe akzeptiert, dass es in diesem Geschäft manchmal zwei Schritte zurück geht, nachdem man sich die drei nach vorne hart erkämpft hat. Ich glaube nur so geht es und sollte mir irgendwann dieser Spirit fehlen, dann werde ich auch einfach die Bühne für neue Player räumen.

Und nach welchen Gesichtspunkten suchst du Bands fürs Destruction Derby aus?

Ich bin nach wie vor auch Fan von vielen Bands und im Gegensatz zu wahrscheinlich vielen anderen Festival-Schaffenden feiern wir unsere Bands auch. Ich meine, gerade läuft im Hintergrund WSTR, Trash Boat und Casey! (Bands, die bereits beim Derby gespielt haben/noch spielen werden, Anm.) Sicher müssen wir auch auf Zahlen, Ticketverkäufe und Marketing schauen, aber an dem Punkt haben wir die jeweilige Band schon längst in unser Herz geschlossen. That’s it!

Noch eine letzte Frage: Was ist das für ein Gefühl, wenn du am 18. August die ersten Bands auf „deinem“ Festival spielen siehst?

Es ist unreal, wirklich. Monatelange harte Arbeit läuft auf einen Punkt zusammen und ich bin immer baff, was da passiert. Unterm Strich bin ich dann aber einfach nur dankbar, Jahr für Jahr das machen zu dürfen, was ich liebe. Sicher, irgendwo kann man von „meinem“ Festival sprechen, aber das ist relativ. Es ist viel mehr das Festival der Kids, die auf den Platz kommen. Sie machen letztendlich das Festival zu dem, was es ist und geben mir die Möglichkeit, weiter zu pushen. Ohne den enormen Support der Kids, meiner Familie und meines Teams hätte es das Destruction Derby nie über die Grenzen meiner Couch hinaus gegeben. Das bedeutet mir extrem viel und dessen halte ich auch inne, wenn die erste Band beginnt zu spielen.


Wir sehen uns beim Destruction Derby – Tickets gibt’s bei uns im Shop!

Foto: Lara Beins

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