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Kommentar: Ein volles Jahr ohne richtige Konzerte – Ein Resümee


Es ist der 4. März 2021. Heute ist es genau ein Jahr her, dass ich das letzte normale Konzert besucht habe. Es klingt falsch zu sagen, normale Konzerte gehören der Vergangenheit an, doch es ist Zeit ein Resümee zu ziehen und zu schauen, wie sich das letzte Jahr, ohne diese normale Konzerte, anfühlte und wie die Perspektive für die Zukunft aussieht.

Nicht aller Anfang ist schwer

Als emsiger Konzertgänger, Musiker und Konzertveranstalter bin ich wöchentlich auf zwei bis drei Konzerten gewesen. In extrem konzertlastigen Zeiten waren es fünf Konzerte, wenn nicht sogar mehr. Ich erinnere mich gerne an Wochen in denen ich jeden Tag auf Konzerte ging um wochenends auf einem Festival weiter abzufeiern. Doch die mit dem Lockdown einkehrende Ruhe war für mich kein Schlag, sondern in erster Linie ein Segen. Ich genoss es ohne sozialen Druck zuhause zu bleiben. Einen Samstag ohne Konzert zu genießen und nicht ständig mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B zu reisen.

Dimmu Borgir live in Wiesbaden, Photo-Credit: Rodney Fuchs
Dimmu Borgir live in Wiesbaden, Photo-Credit: Rodney Fuchs

Auch die Gewissheit, dass ich auf noch mehr Konzerte vor dem Lockdown hätte gehen können, machte mir keine Bauchschmerzen. Stattdessen war ich froh eine Pause zu haben, die (wie ich dachte) ohnehin nur einen Monat andauern würde. Doch aus dieser willkommenen Pause resultierte schnell die Gewissheit, dass Konzerte wohl doch nicht so schnell zurück kommen werden, wie gedacht.

Konzerte? Ja, aber nicht die, die du kennst!

Zwar gab es schnell die ersten Livestream Konzerte und auch in den Biergärten des Landes wurden Bühnen bespielt, die zu Sitzkonzerten führten. Ich habe ein solches Konzert besucht und die Post-Hardcore Band Sperling sehen können. Eine willkommene Abwechslung, die sich aber so fremd anfühlte, dass es der Erfahrung eines richtigen Konzerts kaum gerecht werden konnte.

Novelists FR live
Novelists FR live, Photo-Credit: Rodney Fuchs

Auch große Livestreams wie sie von Bands wie Behemoth aufgezogen wurden, bringen nur ein kurzweiliges Entertainment. Am Ende ist man noch immer zuhause und vermisst das laute Brummen von Gitarrenverstärkern. Die Ansagen der Künstler*innen, sowie die Euphorie des Publikums, die einen Konzertabend besonders werden lässt. So sitzen wir distanziert vor unseren Endgeräten, auf dem Sofa und wissen, dass etwas fehlt.

Nur 1000 Zuschauer*innen? Ja, bitte!

Heutzutage klingt eine Restriktion auf 1000 Besucher wie ein schlechter Scherz, den wir ohne zu zucken akzeptieren würden. Doch die bittere Wahrheit ist, dass wir aktuell noch immer weit davon entfernt sind Konzerte zu genießen, wie wir sie gewohnt waren. In der Zwischenzeit habe ich mit vielen Musiker*innen und Bands gesprochen und die Vorstellung auf engem Raum mit vielen Menschen zu sein, schreckt ab.

Behemoth live in Frankfurt
Behemoth live in Frankfurt, Photo-Credit: Rodney Fuchs

Wir haben uns daran gewöhnt, distanziert zu sein und Abstände einzuhalten. Das erste Konzert, das so sein wird, wie wir es von früher kennen, wird anders sein. Anders, weil es neu sein wird, aber auch anders, weil sich unser gesellschaftlicher Umgang geändert hat. So gibt es Bands, die bereits darüber nachdenken größere Venues zu buchen, damit sich die Leute wohler fühlen und mehr Abstand halten können. Während andere Musiker*innen Angst davor haben, dass die Leute eine Scheu haben werden wieder auf Konzerte zu gehen.

Soziokulturelle Orte rücken auf Onlineplattformen

Ein Miteinander existiert aufgrund der Kontaktbeschränkungen kaum. Stattdessen knüpfen wir online Freundschaften in Livechats während den Streams unserer Lieblingsbands, vernetzen uns in sozialen Medien und hoffen darauf, dass wir unsere Konzertkultur zurückbekommen werden. Denn was mir am meisten fehlt ist der Austausch mit Fans und Gleichgesinnten, die man auf Konzerten trifft und mit denen man einfach so ins Gespräch kommt. All das funktioniert online zwar auch, doch ist irgendwie anders. Die Lust auf Konzerte scheint größer denn je, auch weil die Selbstverständlichkeit hinter Europatouren und Konzerten in Deutschland auf einmal nicht mehr gegeben ist.

Agent Fresco
Agent Fresco live in Haarlem, Photo-Credit: Rodney Fuchs

Ob es in Zukunft nochmal Moshpits, dichtes Gedränge, Headbanging und Stagedives geben wird? Werden Sänger wieder in die Crowd kommen und den Leuten ihr Mikrofon ins Gesicht halten? Wird es Meet & Greets und Autogramme geben, oder ist die Gefahr einer Infektion zu groß? Man kann es hoffen, doch für den Moment ist es eine Vorstellung, die so surreal erscheint und uns in Nostalgie schwelgen lässt. All das was so normal war und zu einem guten Konzert dazugehörte, steht in Frage.

Vorsorge muss sein und tröstet uns kurzfristig, doch wann geht es mit Konzerten weiter?

Was bleibt sind die schlechten, verwackelten und übersteuerten Handyaufnahmen, die wir alle doch insgeheim genau für diese Situation gemacht haben. Damit wir wenigstens ein bisschen Konzertfeeling haben, in Zeiten in denen wir es nicht anders erfahren können. So schwelgen wir in der Nostalgie und hoffen auf eine baldige Rückkehr in die Normalität, wie auch immer diese Aussehen mag.

Dimmu Borgir live in Wiesbaden, Photo-Credit: Rodney Fuchs
Dimmu Borgir live in Wiesbaden, Photo-Credit: Rodney Fuchs

Große Festivals wie das Download wurden für 2021 bereits abgesagt. Aktuell ist unklar, ob uns 2021 überhaupt normale Clubshows erwarten werden. Logisch scheint eine Rückkehr erst, sobald die Impfziele eingehalten werden. Konzerte im Frühjahr 2022 scheinen der sichere Weg zu sein, denn viele Touren werden bereits dorthin verlegt. Was bleibt ist der gesellschaftliche und kulturelle Schaden, die Distanzierung voneinander und die Abgewöhnung des Gewohnten. Wie lange es dauern wird, diesen zu reparieren und sich wieder an eine Normalität zu gewöhnen, ist unklar.

Und du? Könntest du ohne Hintergedanken auf ein Konzert gehen und alles wieder abfeiern wie vor der Pandemie?

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