Kommentare wie „Band XYZ sind kein richtiger Hardcore“ sind scheiße


Dieses sogenannte Internet ist ein Hort des Glücks. Es spendet mir Trost und Halt in Form von Beauty-Vloggern, die mir mit ihrer Konsum-Masturbation (besser bekannt als HAUL) zeigen, dass mein Leben doch nicht voller falscher Entscheidungen gewesen sein kann, denn sonst würde ich jetzt auch irgendwo vor einer Kamera sitzen, Primark-Jeans für 3 Euro vor die Linse halten und sagen: “ Die Hose war sooooo süß, die musste ich einfach mitnehmen und die eingenähte Kinderhand gab es sogar gratis obendrauf!“ Aber alles im Leben hat seine Schattenseiten und die dunkle Seite des Internets ist die Kommentarspalte bei YouTube. Besucht man diesen Ort und liest mal diverse Kommentare, dann bekommt man schnell das Gefühl, dass wir uns als Gesellschaft seitdem Mittelalter nur unwesentlich weiterentwickelt haben, lediglich die Zahnhygiene hat einen wirklich großen Sprung nach vorn getan. Mir geht es gerade um einen ganz speziellen Kommentar, der zwar in verschiedensten Variationen existiert, aber immer die gleiche Scheiße aussagt und tierisch nervt: “ Band XYZ ist kein richtiger Hardcore“.

Um diese Art von Kommentar zu finden, müsst ihr nicht wirklich tief graben. Sucht einfach nach einem Video einer größeren Hardcore-Band wie The Ghost Inside oder Stick To Your Guns (aller hier geposteten Kommentare fristen aktuell ihr Dasein unter Videos beider Bands) und scrollt euch durch die ersten 10 Kommentare. Ergebnis:

Hardcore

Dieses Prachtexemplar habe ich unter dem Musikvideo zu ‚Unspoken‘ von The Ghost Inside gefunden, eine Band, welche ( warum auch immer ) besonders oft im Kreuzfeuer der realen Hardcorecommunity steht. Die Aussage ist auf den ersten Blick nicht beleidigend, sondern lediglich eine Feststellung. Warum also aufregen? Keiner würde sich echauffieren, wenn jemand unter ‚Atemlos durch die Nacht‘ von Helene Fischer postet „Das ist kein Brutal Death Metal“, jedoch versteckt sich hinter der Aussage „Das ist kein Hardcore“ meistens folgende tiefer liegende Intention: Band XYZ wird von ihren Fans als Hardcore bezeichnet, bzw. bezeichnet sich sogar selbst als Hardcore, jedoch ohne sich die Selbstbezeichnung von den toughen Hardcore-Kids absegnen zu lassen. Eine unerhörte Frechheit die natürlich vollkommen zurecht die Hardcore-Polizei auf den Plan ruft, die dann mit solchen Kommentaren wie oben glänzt. Demnach ist so eine Aussage keine bloße Feststellung ( was auch etwas sinnlos wäre ), sondern durchaus auf einer beleidigenden Ebene gemeint.


Warum tun sie das? Albert Einstein hätte vermutlich geantwortet, dass es nur zwei Dinge gibt, die unendlich sind, das Universum und die menschliche Dummheit. Das kann man so getrost unterschreiben, aber ich persönlich habe noch eine kleine eigene Theorie. Diese besagt, dass sich jede Szene/Subkultur grob aus drei Typen zusammensetzt: Menschen die Inhalte erschaffen, Menschen die diese Inhalte verteidigen und eben die ganz normalen Leute, die keinen Fick  geben und einfach nur die Musik genießen. User die solche Kommentare unter Videos posten gehören zur zweiten Kategorie und sehen es als ihre Aufgabe an, ihre geliebte Hardcore-Szene zu verteidigen. Aber vor was eigentlich verteidigen? Größte Sorge ist natürlich die Vermainstreamung der eigenen Subkultur, denn mit dem Mainstream kommen Major-Label, Dubstep-Remixe, David Guetta-Features und Teenager. Letzteres ist für jeden toughen Hardcore-Anhänger die Angstvorstellung schlechthin und in ihrer Welt gibt es nichts wirklich schlimmeres als junge Menschen die zu Hardcore finden. Und um das zu verhindern tippen sich diese Internetkrieger jeden Tag die Finger wund und riskieren eine deftige Sehnenscheidenentzündung, nur um ihre Szene zu verteidigen. Leider tun sie dies nicht für dich oder mich, eher für sich selbst, aber immerhin.

Hardcore

Übrigens meinen die Verteidiger nicht, dass die beleidigte Band musikalisch keinen Hardcore spielt, sondern dass sie den Geist von Hardcore nicht lebt. Da es sich hierbei eher um ein höheres und sehr subjektives Konzept handelt, ist es natürlich schwer gegen so eine Aussage zu argumentieren. Brechen wir Hardcore mal auf seine Grundpfeiler herunter, dann geht es um Zusammenhalt, (linke) politische Ideale, Familie, mit bestehenden Regeln und verkrusteten Strukturen brechen und für das zu stehen, an was man glaubt, sei es nun Veganismus, Liebe, Straight Edge oder das fliegende Spaghettimonster. Angeblich tun dies Bands wie The Ghost Inside, Stick To Your Guns, Counterparts oder jede andere erfolgreichere Band nicht. Das können sie ja auch gar nicht, denn sie sind erfolgreich und erfolgreich wird man heutzutage nur, wenn man sich anpasst und seine Ideale verrät. Musikalische Grenzen verschieben und innovativ sein wird dabei nicht als das gesehen, was es ist, sondern lediglich als pure Sellout-Strategie interpretiert. Dass Hardcore aber seit seiner Entstehung mittlerweile so stark gewachsen ist, dass er eine breite Basis aufgebaut hat, sodass Künstler mittlerweile von ihrer Musik leben können, ohne nebenbei ein zweites Standbein im Getragene-Unterwäsche-Verkaufen-Business haben zu müssen, kommt den Verteidigern nicht in den Sinn. Für den Verteidiger sind die einzig wirklich realen Hardcore-Bands (neben den alten Veteranen wie Black Flag etc. natürlich) die, in der seine Freunde oder Cousins dritten Grades spielen und die ab und zu mal das lokale Jugendzentrum vor 5 Leuten abreißen. Je unbekannter, desto realer, aber diese Logik geht nicht auf, denn es wird immer jemanden geben, der eine noch unbekanntere Band kennt.

Hardcore

Fragt man nach einer genaueren Begründung, warum zum Beispiel The Ghost Inside keine richtige Hardcore-Band ist, dann bekommt man nicht wirklich eine Antwort und am Ende läuft es auf das Totschlagargument „Sie sind nicht real/ Sie leben den Spirit nicht“ hinaus, was ungefähr ähnlich gehaltvoll ist wie eine mittlere Portion Pommes bei McDonald’s. Dass die Diskussionen immer zu diesen subjektiven Argumenten hinauslaufen, zeigt, dass es sich eben nur um eine subjektive Meinung handelt. Es ist (manchmal) schön, dass jeder eine eigene Meinung haben darf, aber es ist zum kotzen, wenn man diese dann als allgemeingültig darstellt. Richtig wäre zu sagen „Ich finde, dass Band XYZ kein richtiger Hardcore ist“, falsch ist aber  „Band XYZ ist kein richtiger Hardcore.“ Ein kleiner aber feiner Unterschied.

Hardcore

Dass einzig wirkliche Argument wäre “ Band XYZ ist nicht so wie frühere Hardcore-Bands.“ Diese Aussage stimmt zu 100%. Moderne Bands klingen einfach nicht mehr wie Gorilla Biscuits, Minor Threat, Circle Jerks oder wie sie alle heißen. Und auch die Lyrics sind nicht mehr dieselben und das hat einen einfachen, eigentlich sehr offensichtlichen, Grund: Wir leben nicht mehr im Jahre 1979 Gott verdammt nochmal. Natürlich ist der Sound und auch die lyrische Themensetzung komplett anders, als zur Zeit des Kalten Krieges. Und so wie sich die Zeit verändert hat, hat sich auch Hardcore verändert und lebt heutzutage stärker als er es je getan hat, ohne dabei seine Ideale verraten zu haben. Natürlich werden jetzt die Stimmen kommen, dass früher alles besser war, aber in einer Szene, in der sich um das Ende der 80er Jahre eine homophobe und tendenziell rechtsradikale Hardline-Bewegungen abgespaltet hat, war halt ein Scheißdreck besser.

Ihr seht, dass es absoluter Bullshit ist solche Statements abzulassen. Statt die Szene zu verteidigen und nervige YouTube-Kommentare zu schreiben, sollte man die Energie in wichtigere Dinge investieren, zum Beispiel Inhalte produzieren, einen neuen Highscore in Flappy Bird aufstellen, oder einfach die Musik genießen

 

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