Festival Verschmutzung

Es Kotzt Mich An, Wie Festivalbesucher Mit Ihrem Müll Umgehen


Bild: Gavin Lynn, Szene vom Leeds Festival 2009.

Spätestens wenn wir nach einem Festivalwochenende am Montagmorgen aus dem Zelt kriechen und vollkommen zerstört und ungewaschen den „Walk Of Shame“ zum Auto antreten, mischt sich zum Kater vom Vortag zumindest bei mir immer noch ein weiteres ungutes Gefühl – beim Anblick der Müllberge.

Denn um den Zeltplatz zu verlassen, ist ein Slalom-Parkour durch herrenlose zerstörte Pavillons, kaputte Campingstühle, zerfetzte Penis-Kostüme und leere Dosen Pflicht. Es gibt nichts, was es im Festivalmüll nicht gibt, mein Negativ-Highlight: Beim Open Flair 2016 fiel mir auf dem Weg zur Dusche der abgetrennte Kopf eines Schweines vor die Füße.

Doch es gibt noch eine viel dreistere Art, jeder Form von Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein ins Gesicht zu spucken: indem man einfach abreist, ohne sein Zelt abzubauen. Wie das aussieht, zeigt zum Beispiel diese Bildergalerie des SZ Magazins, mit Fotos vom Campingplatz des Reading Festivals. Und auch auf dem Gelände des englischen Glastonbury Festivals bleiben jedes Jahr grob geschätzt mehr als 20.000 Zelte stehen.

Mittlerweile hat sich sogar schon eine Organisation mit dem Namen „Love Your Tent“ gegründet, die „Festivalbesucher näher mit ihrem Zelt“ verbinden möchte und sie ermutigt „ihre Zelte mehrmals zu benutzen“. Und das Taubertal Festival hat im Bereich ihres „Green-Camps“ einen Wettbewerb ausgerufen, bei dem das beste und sauberste Camp eine Backstageführung und Festival-Merchandise gewinnen kann. Kein Scheiss. Als wären wir Kleinkinder, die man mit Süßigkeiten bei Laune halten muss, wenn sie mal ihr Spielzeug gleich weggeräumt haben.

Ja, Festivals sind Ausnahmezustand und genau das lieben wir so daran – wenige Tage, in denen unsere Alltagssorgen (rasierte Beine, gesunde Ernährung, seriöses Auftreten) ganz ganz weit weg sind. Wir denken nicht daran, dass es Montag wieder zurück in den Alltag geht – und dass Montag hier an diesem Platz wieder das normale Leben beginnt. Wir blenden aus, dass es Tage dauert, bis der Acker vom Müll befreit ist, dass Menschen an diesem Platz leben, hier mit ihren Hunden spazieren gehen oder mit ihren Kindern spielen. Es hat nichts mit Abschalten zu tun, sich während der Festivaltage nicht darum zu kümmern, sondern einfach nur mit Ignoranz.

Und nebenbei schießt man sich damit irgendwie selbst ins Knie: Es kostet Unsummen, die Zelte in Deponien zu entsorgen. Um nochmal das Taubertal Festival zu zitieren, das mit seiner Müllpolitik sehr offensiv umgeht:

Wir tragen die Kosten für die Entsorgung eures Mülls. Ihr tragt also mit der Einhaltung gewisser Regeln zur Preisgestaltung des Festivaltickets bei. Der „All-Inclusive-Preis“ wird nur dann zu halten sein, wenn wir das Müllproblem in den Griff bekommen. Gemeinsam!

Also baut eure Zelte ab. Wenn sie nass, dreckig und kaputt sind, weil um 3 Uhr morgens ein übergewichtiger Limp Bizkit-Fan über die Schnur gestolpert und in die Zeltplane gekracht ist – okay, werft es weg und kauft euch ein neues 15 Euro-Zelt. Aber baut es verdammt nochmal ab. Für diese ominöse Umwelt und für faire Ticketpreise.

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