[Nachbericht] Impericon-Festivalreporterin Susi @Open Flair: Eine Liebeserklärung an „La familia“


Die erste Regel des Festival-Sommers: Ein Festival ist erst richtig zu Ende, wenn man zuhause seinen Rucksack aus- und die Dreckklamotten in die Waschmaschine eingepackt hat. Und so gibt es jetzt, gut 58 Stunden nachdem mit den Beatsteaks die letzte Performance des Open Flairs angebrochen ist, meinen Nachbericht aus Eschwege.

Im Vorfeld gab es auch unter Flair-Dauergästen (zu denen ich mich nach drei Besuchen noch nicht zähle) Gemurre über das „unkreative“ Lineup, mit wenig überraschenden und für 2018 fast schon obligatorischen Headlinern wie Kraftklub, Marteria und den erwähnten Beatsteaks. Und ja, wahrscheinlich könnte man an der Stelle die Diskussion lostreten, ob es in der Musiklandschaft nebst weiteren Acts wie Casper, den Toten Hosen und vielleicht noch den Broilers nicht noch andere spannende Bands gibt, die ein deutsches Festival headlinen können. Denn, Fun Fact, schon beim Open Flair 2015 lauteten die ersten drei Namen auf der Rückseite des Festivalshirts: Beatsteaks, Marteria, Kraftklub. Aber irgendwie wäre es unfair, dieses Fass aufzumachen, zum einen aus mangelnden Alternativ-Vorschlägen, zum anderen aber auch weil es beim Open Flair um so viel mehr geht als das Lineup (ja, ich werf gleich meine 10 Cent ins Phrasenschwein, da kommt noch der ein oder andere Betrag dazu im Laufe des Textes). Das Open Flair findet nicht nur im schönen Eschwege (ca. 20.000 Einwohner) statt, ganz Eschwege IST für diese Tage das Open Flair, mit Festival-Specials in der Dönerbude ums Eck, Garagen an der Festival-Meile, die zu Kiosken (ja, das heißt so, hab ich gegoogelt) und Kneipen umfunktioniert werden und Tausenden Freiwilligen, die sich das Wochenende zwischen Kassenhäuschen, Einlasskontrolle und Merch-Stand um die Ohren schlagen.

Impericon Sommerfestivals

Das Open Flair wird als „Familienfestival“ angepriesen. Und ja, zwischen den obligatorischen verkleideten Metalheads und Hippie-Mädchen turnt auch das ein oder andere Kind rum, natürlich nur mit fettem Ohrenschutz und Mini-Festivalband um die speckigen Ärmchen. Aber eine „Familie“ muss eben nicht aus Mutter, Vater und Kind bestehen. Auch die kleinste Festivalcrew (in meinem Fall waren wir immerhin an die 12 Leute) geht auf dem Open Flair den Bund der Familie ein und wird durch das gemeinschaftliche Erlebnis (z.B. barfuß im Regen tanzen zu byebye) noch mehr zusammengeschweißt. Das Bermuda-Dreieck, in dem irgendwann auch die organisierteste Crew verloren geht? Gibt es beim Open Flair nicht. Eben stand man noch alleine an der Freibühne bei Creeper (einer meiner Lieblingsmomente des Festivals, es hat eben immer noch Charme, eine Lieblingsband zum ersten Mal live erleben zu können), schon trifft man in der Pommes-Schlange auf bekannte Gesichter, bereit für den nächsten Schabernack – und wenn es nur eine Runde „Lattenschießen“ auf dem Flair-Sport- und Spielplatz ist.

Wahrscheinlich ist es genau das, was Menschen einige Generationen vor meiner so an Festivals wie dem Woodstock geliebt haben. Nein, nicht freie Liebe (obwohl, auch das) und Drogen (okay, wahrscheinlich auch das), sondern das Gefühl, eine Einheit zu sein, die in den Tagen des Festivals alles andere ausblendet. Eine Welt außerhalb des Open Flairs existiert währenddessen nicht, was auch ein Stück weit daran liegt, dass sowieso kaum Handy-Empfang vorhanden ist. Selbst die Security – auf anderen Festivals zum Hochfeind runter stilisiert – gehört zu dieser Einheit. Immer ein Lächeln auf den Lippen und Glitzerschminke im Gesicht, verteilen sie Wasser unter den FestivalbesucherInnen (das unter denen so fair weiter gereicht wird, dass es schon fast albern ist) oder zünden die Menge mit Klatschen und Co. weiter an (so gesehen bei Silverstein).

Aggressivität? Ignoranz? Unangebrachtes Verhalten, gerade gegen Frauen?

Nicht bei meinem Open Flair. Da wird der warme Tetrapack-Wein mit Fremden geteilt und betrunkene Prollos (die es natürlich auch bei diesem Festival gibt) freuen sich herzzerreißend schön über ein Kompliment zu ihren Batman-Socken. Und: Das fällt auch den Bands auf, selbst denen, die im Jahr wahrscheinlich weit über ein Dutzend Festivalshows spielen. Das Open Flair bleibt in Erinnerung, wegen – ja, nochmal 10 Cent in die Phrasenschwein-Kasse – seines Flairs.

Zum Schluss noch ein Wort zu meinen musikalischen Highlights: You Me At Six, der Überraschungs-Auftritt von Casper und Marteria und – ach weißte was? Interessiert doch eh keinen. Denn egal welche Acts das Open Flair-Team Jahr für Jahr nach Eschwege karrt, wir kommen wieder. Als Familie.

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