LOVE IS NOT ENOUGH - Casey

Casey Band

Nach dem Release von Caseys Debütalbum LOVE IS NOT ENOUGH habe ich mir mehr als zwei Monate Zeit gelassen, um erst jetzt über das Album zu schreiben. Der Grund: Ich wollte mit meinem Review Band und Album gerecht werden, ohne stumpfe Lobhudelei und übertriebene Superlative. Doch wahrscheinlich wird mir das auch heute, an dem Tag, an dem die fünf Jungs aus South Wales zweijähriges Bandbestehen feiern, nicht gelingen. Ich versuche es trotzdem:

LOVE IS NOT ENOUGH sorgte von Sekunde 1 an sozusagen für meinen „Eat, Pray, Love“-Moment des Jahres. Für ein fast schon spirituelles Erlebnis, das sich wahrscheinlich am besten mit dem (zugegeben sehr sperrigen) Wort „Katharsis“ beschreiben lässt. Schuld daran sind Song-Momente wie die Zeile „Our hearts lay on the bedroom floor, and one was mine. But both were yours“ aus „Little Bird“. Sie sind ehrlicher, als man es selbst jemals sein könnte. Sie zerstören dich („Haze“), lassen dich emotional gelähmt als seelisches Wrack zurück („Bloom“), das den Sinn jeglichen Handels hinterfragt und anzweifelt („Ceremony“). Doch das ist komischerweise eines der besten Gefühle der Welt und genau das, was „echte“ Musik vom Radio-Bullshit unterscheidet. Oder ist es überliefert, dass ein David Guetta-Song schon mal für einen tränenerstickten „Okay, jetzt bloß nicht blinzeln“-Moment in der Bahn gesorgt hat? Ich wage es zu bezweifeln.

Gesteigert wird dieser Effekt nur noch durch die etlichen Querverweise auf Casey-Songs der ersten beiden EPs HAZE (2014) und FADE (2015). Obwohl die beiden Platten mit insgesamt gerade mal fünf Songs mehr als nur überschaubar sind, finden zum Beispiel „Teeth“, „Fade“ und „Hell“ in Auszügen auch ihren Weg auf LOVE IS NOT ENOUGH. Erst beim wiederholten Durchhören die verbitterten lyrischen Referenzen zu entdecken, sorgt für das ungläubige „Das hast du gerade nicht wirklich gesagt“-Gefühl. Es käme einem Game Of Thrones-Spoiler gleich, die genauen Stellen zu verraten, deshalb nur die Empfehlung: Lasst keinen Song aus der Casey-Diskografie aus.

Auch wenn Vergleiche zu anderen Post Hardcore-Bands wie La Dispute, Touché Amoré oder Pianos Become The Teeth schnell gezogen sind, Caseys Musik wird nicht unbedingt von Genre-Kollegen geprägt, sondern wie sie es selbst bezeichnen von „self-expression created with no underlying motive, only the wish to experience and relate“. Vielleicht sorgt genau diese Authentiztät für den unvergleichlichen Sound in der Stimme von Frontmann Tom Weaver (wer die Band schon einmal live erleben durfte, weiß wovon ich spreche). Fun Fact am Rande: Tom nahm vor einiger Zeit an einem YouTube-Casting teil, um Adrian Fitipaldes als Northlane-Frontmann nachzufolgen (hier sein Bewerbungsvideo).

Spätestens nach LOVE IS NOT ENOUGH und ihrer eben zu Ende gegangenen Europa-Tour mit Being As An Ocean sind Casey nicht mehr nur ein Geheimtipp für Fans des YouTube-Channels Dreambound (eine absolute Goldgrube für Post Hardcore-Fans). Als ich genau dort vor knapp eineinhalb Jahren zum ersten Mal das Video zu „Teeth“ gesehen habe, hätte ich nie gedacht, dass die Band auch mit den nachfolgenden Songs an diese Erfahrung anknüpfen, ja, sie sogar noch toppen können würde – umso mehr freue ich mich auf alles, was wir von dieser Band noch hören werden.

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Album: LOVE IS NOT ENOUGH
Artist: Casey
Tracks: 11

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