Gravity - Bullet For My Valentine

Unser Gastautor Benny – selber großer Fan von Bullet For My Valentine – durfte vorab in GRAVITY einhören, das am 29. Juni 2018 erscheint. 

30. September 2005: Bullet For My Valentine veröffentlichen ihr Debütalbum THE POISON, welches bis heute als eines der wichtigsten Einstiegswerke einer ganzen Generation von Metalhörern gilt. Fast 13 Jahre später steht der Release des mittlerweile sechsten Longplayers an. Ich freue mich, dass ich bereits vorab in die neue Scheibe meiner Jugendliebe reinhören darf, auch wenn ein Teil der bereits im Vorfeld veröffentlichten Singles nicht wirklich bei mir punkten konnte. Ob der Rest des Albums das Potential hat, diesen Eindruck zu ändern? Zur Hölle ja!

Bullet For My Valentine GRAVITY Preorder

Denn mit den ersten Klängen des Openers sind meine Zweifel wie weggeblasen! „Leap of Faith“ drückt mich förmlich in meinen Sitz! Schnell ist klar, dass das kein gewöhnliches Bullet For My Valentine-Album ist. Vieles ist anders, Vieles überrascht mich. Und je länger GRAVITY meine Gehörgänge beackert, desto mehr zeichnet sich ab: Die Waliser erfinden sich auf dieser Scheibe gänzlich neu. Denn GRAVITY verfolgt einen komplett neuen Ansatz, welcher der Band jedoch sehr gut zu Gesicht steht: Keep it simple! So hat es beispielsweise kein einziges Gitarrensolo auf die Platte geschafft. Stattdessen weist GRAVITY starke Nu-Metal-Tendenzen auf und erinnert damit mehr als einmal an Bands wie Deftones („Piece of Me“) oder Linkin Park („Letting You Go“). Shouts werden ausschließlich an passenden Stellen verwendet, stattdessen lebt der Longplayer von seinen Kontrasten und seiner Dynamik. Matt Tuck und Co. verstehen es, punktuell Akzente zu setzen. Häufig wird ganz bewusst der Fuß vom Gas genommen, nur um im Anschluss umso stärker auf die Tube zu drücken. Bezeichnend dafür ist die für Bullet-Verhältnisse häufige Verwendung von Breakdowns. Ein glasklarer Soundteppich aus Synthies und Samples sorgt für Pluspunkte in Sachen Catchyness. Hier möchte ich noch einmal „Leap of Faith“ hervorheben, was stimmungstechnisch in atemberaubende, fast Architects-artige Sphären abhebt.

Auch das hymnische „Not Dead Yet“ und das kühle „Under Again“ sorgen für den einen oder anderen Gänsehaut-Moment. Überrascht hat mich, dass es die bereits 2016 veröffentlichte Single „Don’t Need You“ auf das Album geschafft hat – ein nach wie vor starker Song, welcher durch sein Tempo und seine Härte gegen Plattenende für Abwechslung sorgt.

Leider gibt es einige Songs, die den sehr guten Gesamteindruck von GRAVITY ein wenig schmälern. Besonders die im Vorfeld veröffentlichten Tracks weisen spürbare Schwächen auf, welche leicht hätten vermieden werden könnten. So handelt es sich bei „Letting You Go“ beispielsweise um einen Song mit ordentlich Ohrwurmpotential, was jedoch durch die unterirdisch flachen Lyrics im Chorus (First you wanna love me. Then you wann hate me. This is how I’m feeling. Now I’m letting you letting you go.) getrübt wird. Die Single „Over It“ bleibt im Vergleich zu anderen Songs der Platte eher blass. Etwas besser gefällt mir „Piece of Me“, das ähnlich wie „Coma“ durch seine brachiale Gewalt für Aufmerksamkeit sorgt. Der Titeltrack ist voll von Chorgesängen und schielt aufgrund seiner sehr präsenten Synthies ein wenig Richtung Enter Shikari. Allerdings fehlt dem Refrain eine echte Hookline, weshalb hier Potential verschenkt wurde.

Doch auch wenn nicht alles gelingt: Bullet For My Valentine erreichen mit GRAVITY eine epische Tiefe, was in früheren Jahren häufig am Kitsch scheiterte. Besonders hervorheben möchte ich dabei die Arbeit von Gitarrist Michael Padget, welcher dem Album durch mitreißende, langsame und vor allem songdienliche Gitarrenläufe seinen Stempel aufdrückt – Understatement, das Wirkung zeigt! Auch Matt Tuck macht einen sehr guten Job am Mikro und haut ein paar neuartige Gesangslines raus, die man ihm nicht zugetraut hätte. Damit brilliert er in der abschließenden Akkustikballade „Breathe Underwater“ ganz besonders. Bullet For My Valentine präsentieren sich anno 2018 in starker Form und wagen mutige Veränderungen an ihrem Sound. Ein ähnlicher Versuch wurde bereits vor einigen Jahren unternommen, was mit TEMPER TEMPER jedoch ordentlich in die Hose ging. Warum das dieses Mal um so viel besser klappt? Weil es der Band mit GRAVITY gelungen ist, einem musikalischen Konzept zu folgen, ohne dabei die eigenen Stärken über Board zu werfen. Am Ende steht ein Werk, das in seiner Gesamtheit zu glänzen weiß. Als langjähriger aber durchaus kritischer Fan der Band kann ich sagen: Das hier ist das vielleicht aufregendste Bullet For My Valentine Album aller Zeiten. Unbedingt reinhören!

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Album: Gravity
Tracks: 11

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