Where I Go When I Am Sleeping - Casey

Mit LOVE IS NOT ENOUGH haben Casey vor knapp eineinhalb Jahren mein persönliches Album des Jahres, wenn nicht des Jahrzehnts, veröffentlicht. Umso größer der Kloß im Hals, als ich den Nachfolger WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING (Release: 16. März 2018) zum ersten Mal hörte. Denn: Ich war enttäuscht, meine hohe Erwartung nicht im Ansatz getroffen. 

Aber bitte: Legt Caseys Sophomore-Album nicht voreilig nach dem ersten Hören weg. Die 12 Songs brauchen leider – anders als das Material ihres Debüts – etwas mehr Zeit, reißen dann aber mindestens genauso große Krater in eure Herzen wie „Bloom“, „Darling“ und Co.

Casey Acoustic

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Track by Track-Review: WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING

#1 Making Weight: „Making Weight“ zeigt als Intro der Platte schon sehr gut, in welche Richtung das Album geht. An Stellen, wo LOVE IS NOT ENOUGH nach vorne preschen würde, bleiben viele Songs eher im ruhigen Tempo, wo Frontmann Tom Weaver ansonsten in seine gellenden Schreie ausbrechen würde, singt er jetzt mit nur halb geöffnetem Mund. Trotzdem ist es von Minute 00:01 an so unverkennbar Casey, dass es wehtut. Dazu tragen auch kleine Anspielungen auf frühere Songs (zum Beispiel „Teeth“) bei.

#2 Wavering: Dafür reiht sich mit „Wavering“ ein Song ein, der problemlos auch von LOVE IS NOT ENOUGH stammen könnte – zumindest bis zu Minute 01:20. Dann kommt ein cleaner Refrain. Casey legen auf ihrem neuen Album viel mehr Wert auf das gesungene/gesprochene Wort – wozu Tom in einem Interview mit uns erzählte: „Ich weiß, dass viele Sänger Schreie nutzen, um Intensität oder Leidenschaft auszudrücken, aber ich fühle mich eigentlich wohler damit, einfach nur Leidenschaft auszudrücken EGAL ob ich schreie oder singe. Für mich ist die Stimme nur ein Instrument, die Lyrics sind das wirklich Wichtige.“ AMEN.

#3 Phosphenes: In meinem Review zu LOVE IS NOT ENOUGH habe ich 2016 von einem „fast schon spirituelle(n) Erlebnis“ gesprochen, durch Lyrics, die „dich emotional gelähmt als seelisches Wrack zurück(lassen)“. Auf der neuen Scheibe sorgte diesbezüglich konkret „Phosphenes“ für ein Déjà vu, unter anderem mit der folgenden Zeile:

I’m left to contemplate if I’m really getting better, or if I’m just numb to the feeling of falling apart.

Für mich fasst dieser Song alles zusammen, was ich an Casey liebe.

#4 &: Keine Ahnung, ob sich Casey bei ihren Freunden und häufigen Tour-Begleitern Being As An Ocean angesteckt haben, aber auf WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING findet sich tatsächlich auch das ein oder andere Instrumental-Interlude. Die kann man mögen oder weiter skippen, meiner Meinung nach machen sie das Album-Gesamtpaket erst perfekt.

#5 Flourescents: Zugegeben, der Song hat es mir nicht leicht gemacht und gab so ein bisschen die Richtung vor, wie sich mein Verhältnis zum Album fortentwickeln sollte. Schon beim Hören der Radio-Premiere hatte ich das Gefühl, dass mich „Flourescents“ nicht zu 100 Prozent befriedigt – so wie wenn man „nur“ Salat zum Mittagessen hat und erst 2 Stunden später feststellt, wie unfassbar geil satt man eigentlich ist. Heute kann ich nur noch schwer nachvollziehen, wie mich der Song nicht von Anfang an kriegen konnte.

Does it hurt you if I say I can feel the decay? In a hospital bed I wither away. Behind the curtains I’ve been crying almost every night, I don’t want to ache like this for the rest of my life.

Fuck.

#6 Flowers By The Bed: So anders. So melodisch. So Emo 2006. So wenig Casey. So unfassbar gut.

#7 Needlework: Mein persönlicher Lieblingssong des Albums. Und das ohne die Screams, die ich noch an LOVE IS NOT ENOUGH so geliebt habe. Doch den Soundwechsel einer jungen Band nach nur einem Album zu kritisieren, ist vermessen, gerade wenn ihr Frontmann/Songschreiber seit dem Release eine hörbar prägende Phase seines Lebens durchmacht (Glasknochen-Diagnose, eine chronische Darmkrankheit, manische Depression, Schlaganfall, Herzinfarkt).

#8 Morphine: Being As An Ocean haben angerufen – sie wollen ihr Interlude zurück ;)

#9 Bruise: Knapp zwei Wochen vor dem Album-Release teilten Casey den Song mit uns auf YouTube und mir bleibt nur zu sagen: Minute 2:45 <3

#10 The Funeral: WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING ist nicht das klassische Album mit Songs über gescheiterte Beziehungen und Herzschmerz. Es geht tiefer, sehr viel tiefer. Die meisten von uns müssen wahrscheinlich/hoffentlich nie das durchmachen, was Tom Weaver erleben musste, aber ich denke genau deswegen treffen mich die Songs des Albums: weil sie mich an andere Struggles erinnern und auch daran, wie man aus ihnen rauskam. Das ist das Großartige an Casey-Lyrics im Allgemeinen, dass sie im entsprechenden Moment klingen, als wären sie nur für einen selbst geschrieben worden.

#11 Where I Go When I Am Sleeping: Ein letztes Interlude, bevor es in den finalen Song geht. Für mich das stärkste Instrumental-Stück des Albums.

#12 Wound: Für Frontmann Tom Weaver der Song, der ihn am meisten bedeutet – „weil er wahrscheinlich von den Lyrics her der intimste ist, den ich je geschrieben habe.“ Damit meint er vor allem den gesprochenen Part ab Minute 02:00, in dem er von seinem Suizidversuch im Alter von 16 Jahren erzählt und davon, wie ihn sein Bruder, der mit einer schweren Behinderung lebt, im Badezimmer entdeckte (übrigens auch Thema des Songs „Cavities“).


Irgendwie ist es doch einfach scheiss egal, wie diese Musik klingt und ob man eher Team LOVE IS NOT ENOUGH oder Team WHERE I GO WHEN I AM SLEEPING ist. Beide Alben haben der Band geholfen, ihre Probleme zu verarbeiten (allen voran Frontmann Tom Weaver) und auch weiterhin werden Fans in aller Welt das mit Hilfe der Band schaffen.

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Album: Where I Go When I Am Sleeping
Artist: Casey
Tracks: 12

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