Rise Against Nowhere Generation

Rise Against Sänger Tim über Deutschland, Festivals und Architects.


Rise Against stehen kurz vor der Veröffentlichung ihres neunten Studioalbums. NOWHERE GENERATION wirkt wie eine Rückbesinnung auf die alten Stärken und bietet genau das, was man erwartet und erhofft. Sänger Tim McIlrath nimmt sich Zeit für das Gespräch, wir reden über die Größe ihrer Live-Shows und darüber, wie es sich anfühlt, zu einer echten Instanz im Punkzirkus geworden zu sein.

Wir fragen uns bei jeder Show in Deutschland: Wow, warte mal, was ist denn hier los?“

Das erste Mal sah ich Rise Against 2005 in der Frankfurter Batschkapp, Vorband waren Alexisonfire. In den vergangenen 16 Jahren wurden die Konzerte von Rise Against größer und größer. Ich frage Tim, ob es nach all dem Wachstum noch Ziele gibt. Was möchte er mit der Band noch erreichen? „Gute Frage, haha. Wie du sagst, es wurde immer größer, gerade bei euch in Deutschland haben viele Menschen beschlossen, uns zu mögen. Und das in einem Maße, dass wir uns bei jeder Show in Deutschland fragten: Wow, warte mal, was ist denn hier los? Wir erleben tolle Konzerte überall auf der Welt und überall ist das Publikum gewachsen, aber in Deutschland war es wirklich irre.“

„Gibt es noch etwas, das wir mit der Band erreichen wollen? Vielleicht Headliner auf den großen deutschen Festivals zu sein – Southside, Hurricane, Rock am Ring und Rock im Park. Früher dachte ich nicht mal daran, dass wir überhaupt mal bei diesen Festivals spielen dürfen, und sollten wir uns dann wirklich an der Spitze des Line-ups wiederfinden, das wäre ein wirklich cooler Meilenstein für uns. Auf einer dieser großen Bühnen als Headliner zu stehen, das wäre schon was.“

„Es sind dann die Leute, die entscheiden, ob sie die Musik annehmen oder nicht.“

Bei dem aktuellen Erfolg und Tourpartnern wie Refused, gab es da einen Moment, in dem Tim klar wurde, dass das ist so viel mehr ist als erwartet? „Die Besucherzahlen sind noch immer unfassbar für mich. Wenn wir hören, es seien zehntausend Tickets für ein Konzert in Hamburg verkauft, dann kann ich das noch immer kaum glauben. Ich meine, kommt da noch jemand nach uns? Haha. Was passiert hier? Und dann spielst du diese Shows und die Leute singen die Texte mit und kennen sowohl die alten als auch die neuen Sachen. Und dann realisierst du, dass du keine Kontrolle mehr über deine Musik ausübst, sobald du sie rausgebracht hast. Es sind dann die Leute, die entscheiden, ob sie die Musik annehmen oder nicht. Und das ist das Schöne daran, sobald sie der Öffentlichkeit gehört, trifft sie vielleicht zur richtigen Zeit die richtigen Leute und es entsteht eine ganz besondere Verbindung.“

„Ich denke, viele deutsche Fans haben durch uns Architects lieben gelernt.“

Auch angesichts der Veranstaltungsorte ist Tim noch immer dankbar: „Als wir mit Rise Against anfingen, hätten wir nie zu träumen gewagt, eines Tages in solchen Locations aufzutreten, in denen wir bereits gespielt haben. Es war für uns schon unrealistisch, in Clubs mit 500 Leuten zu spielen. Ich gehe nicht mal selbst auf Shows von der Größe, wie wir sie mit Rise Against erleben. Refused in kleinen Clubs, das war meine Jugend. Ich ging zu Hot Water Music, ich sah At The Drive-In oder Alkaline Trio. Als wir irgendwann größer waren als die Bands, die wir verehren, war das wie ein Vorstoß in unbekannte Welten, haha. Und wir fragten uns, wohin wird die Reise noch gehen? Ich liebe unsere Konzerte, und die Message und die Musik und auch die Bands, die wir mitnehmen, dem Publikum zu präsentieren.“

„Das Allercoolste ist es immer noch, wenn man den Kids in der ersten Reihe die Welt des Punkrock eröffnet, das ist einfach großartig. Selbst wenn Rise Against nur die Einstiegsdroge sein sollten und einige uns nur für einige Jahre hören und dann weiterziehen, dann ist das auch cool. Solche Bands gab es ja auch für mich. Bands, deren Fan ich war und die mir eine ganze Welt eröffneten. Es ist toll, wenn du die Glühbirne über den Köpfen der Leute aufblitzen siehst, weil sie anfangen, diese Art von Musik verstehen. Ich liebe es auch, wenn die Besucher unserer Konzerte beginnen, auch die Bands zu mögen, die wir mit auf Tour nehmen. Ich denke, viele deutsche Fans haben durch uns Architects lieben gelernt. Es ist einfach schön zu sehen, dass Leute durch uns angefangen haben, bestimmte Bands zu mögen und jetzt deren Shows besuchen und deren Platten kaufen. Ich meine, bei uns lief das auch nicht anders. Als wir für NOFX oder Strung Out eröffneten, wurden die Leute dadurch auf uns aufmerksam. Wir spielten als Support für Mad Caddies und Sick Of It All und damals waren wir es, die die Aufmerksamkeit des Publikums gewinnen wollten. Das ist ein schöner Kreislauf, der sich da ergibt, und es ist noch schöner, jetzt selbst in der Position zu sein. Irgendwann möchte man einfach etwas zurückgeben“.

„Es wäre wirklich cool, mal eine Singer/Songwriter-Version eines unserer Stücke zu hören“

Erst vor wenigen Wochen coverte Tim in Zusammenarbeit mit Punk Rock Karaoke die Operation Ivy-Nummer „Knowledge“. Gibt es noch andere Stücke, die er gerne mal mit Rise Against covern würde? „Aktuell stehen wir alle sehr auf Pegboy, eine Band aus Chicago. Pegboy haben eine Menge großartiger Tracks. Sie sind total underrated und haben wirklich ein riesiges Talent fürs Songwriting. Wir spielen ihre Songs ab und zu beim Soundcheck, aber wir haben nie ein richtiges Cover aufgenommen. Das wäre wirklich spaßig, mal unsere Version eines Pegboy-Songs festzuhalten.“

Und von welcher Band hätte Tim gerne ein Cover von Rise Against, vielleicht eine aus einem komplett anderen Genre? „Da du das mit dem anderen Genre erwähnst, es wäre wirklich cool, mal eine Singer/Songwriter-Version eines unserer Stücke zu hören – ein Rise Against-Track in der José González-Fassung. Ich frage mich, wie das wohl klingen würde.“ Und welchen Song? „Eine wirklich harte Nummer, um es interessanter zu machen. ‚State of the Union‘ vielleicht?“

Die Leute warten auf Konzerte, wir warten auf Konzerte

Und was hält die Zukunft für die vielen Rise Against-Fans bereit? „Unser neues Album NOWHERE GENERATION steht kurz vor der Veröffentlichung und wir freuen uns schon sehr darauf. Und natürlich planen wir auch, auf Tour zu gehen, sobald das möglich ist. Wir schauen die gleichen Nachrichten wie ihr und hoffen so wie alle, dass es bald wieder sicher ist, Shows zu spielen. Die Leute warten auf Konzerte, wir warten auf Konzerte und wir haben natürlich den Drang, loszulegen und die neue Platte wirklich mit Leben zu füllen. Neue Songs zu schreiben und diese dann live zu performen, ist ein wichtiger Aspekt bei dieser Band und erst wenn wir die Songs auf die Bühne bringen, werden sie für uns richtig lebendig.“

Gibt es einen Song auf der neuen Platte, bei dem es ihm am meisten auf den Nägeln brennt, ihn live zu spielen? „Es gibt einen Track, „Sudden Urge“, der ein wirklich cooles Riff hat, das nur darauf wartet, auf Festivalbühnen gespielt zu werden“. 

Interview: Marvin Kolb

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