Rising Insane

Rising Insane sind mit einer tiefgreifenden Message zurück!


Der neue Track der ehemaligen Next Generation Gewinner Rising Insane ist zurück und thematisiert ein wichtiges Thema: PTBS. Was das ist und wie Sänger Aaron damit zu kämpfen hat, erfahrt ihr in unserem Interview.

Rising Insane sind bei uns ja keine Unbekannten, ihr habt ja damals bei der IMPERICON Next Generation gewonnen.

Das war eine verrückte Zeit. Man ist erst eine kleine Band, wir haben hier unsere Shows rund um Oldenburg gespielt, das war auch alles super. Dann kamen wir in das Voting mit rein und haben am Ende den Jurypreis gewonnen. Ab da ging es dann steil bergauf, den Start lieferte allerdings die Support Tour für Annisokay, vor dem Impericon Festival. Das war so eine Zeit, da hat sich einiges aufgebaut.

Wie viele Bands hattet ihr ja jetzt auch was Leerlauf, habt ihr das auch genutzt um neue Musik zu machen?

Wir haben angefangen, das dritte Album zu produzieren. Außerdem haben wir von PORCELAIN, dem letzten Album, eine Akustik EP veröffentlicht, einfach um die Zeit auch ein wenig zu füllen. Davor hatten wir noch eine Cover-EP aufgenommen mit dem Titel RECOVERED. Da war auch „Blinding Lights“ mit bei, der konnte auch ganz gute Zahlen generieren.

Jetzt ist heute eure neue Single erschienen: „Meant To Live“ – darin arbeitet ihr ein spezielles Thema auf, nämlich PTBS. Die englischsprachige Bezeichnung PTSD ist vielleicht geläufiger, ging dir das auch so?

Im Rahmen meines Studium hatte ich auch mit dem Thema Stressbewältigung zu tun, aber eher als Nebenfach. Da haben wir auch einen Abstecher zum Thema PTBS, also Post-Traumatische-Belastungs-Störung gemacht. Daher war mir der Begriff schon vorher geläufig.

Bei PTSD hatte ich direkt dieses Bild vor Augen, von dem Soldaten, der aus dem Kriegseinsatz zurückkommt…

Ja, genau. Mir fällt da auch Mike Shinoda von Linkin Park ein, der hat ja nach Chesters Tod eine EP mit dem Titel POST TRAUMATIC veröffentlicht, was das Thema auch ziemlich genau trifft.

Was ja auch zeigt, dass das mehr Leute, als heimkehrende Soldaten betrifft. Warum habt ihr diese Erkrankung als Thema für die Single gewählt?

Meine Schwester ist 2017 an Brustkrebs erkrankt und hat den Kampf leider 2018 verloren. Mit PORCELAIN haben ich das alles damals verarbeitet. Das waren krasse Texte für mich, weil die sehr persönlich und intim gewesen sind. Das mach ich eigentlich immer, denn dafür ist Texte Schreiben auch da. Als ich da so aus meiner Gefühlswelt für das neue Album geschrieben habe, hab ich gemerkt, dass mich das immer noch alles belastet.

Hast du jemals gedacht, dass du an so einer Erkrankung leiden könntest? Mit anderen Worten: Kann das jeden treffen?

Eigentlich hatte ich ein super Leben, es ging immer allen gut, ich hab auch aus meinen Freundeskreis nie jemanden durch einen Autounfall oder so verloren, keinen Verwandten, der mit einem Trauma aus Afghanistan zurückgekommen ist oder so. Es gibt ja tausend Sachen, die einem widerfahren können. Es lief immer alles glatt. Und dann komm ich aus dem Urlaub und es heißt, meine Schwester ist an Brustkrebs erkrankt. Da kann sich von einer auf die andere Sekunde das Leben verändern.

Wie hat dein Umfeld denn auf deine Situation reagiert? Bei Mental Health Themen spricht man ja auch gerne mal von einem Stigmata.

Es gibt Gruppen, da hab ich darüber gesprochen, wie meine Familie oder in der Band. Es gibt aber auch Orte, wo ich da nicht drüber spreche, also auf der Arbeit. Trotzdem kommen da diese klassischen Stammtischparolen, wenn es um andere Kollegen geht, die vielleicht nen Burn-Out haben, da heißt es schnell mal „Der soll sich mal nicht so anstellen.“ Da ist noch Aufklärungsbedarf. Die Leute vorverurteilen Sachen, die man nicht von außen sehen kann. Man kann halt nicht in die Leute reinschauen, und wenn man dann ein Arbeitsumfeld hat, wo man sich vielleicht eh nicht den Kollegen gegenüber öffnet, was ja auch irgendwie normal ist, ist das schwierig, wenn dann über jemanden gesprochen wird. Keiner weiß was mit dieser Person los ist, da hat man kein Recht über diese Person zu urteilen.

Der soll sich mal nicht so anstellen.

Die Symptome von PTBS werden häufig von Triggern ausgelöst, man sieht da in letzter Zeit auch immer wieder Triggerwarnungen. Kennst du deine Trigger und wie gehst du damit im Alltag um?

Ich musste erstmal lernen, dass es sowas wie Trigger überhaupt gibt. Dass es da Sachen gibt, die mich speziell an den Tod meiner Schwester erinnern. Das können bestimmte Gerüche sein, oder Blumen, denn meine Schwester war immer sehr stolz auf ihren Garten. Ich hab da zu erst gar nicht realisiert, dass mich das triggert, sondern nur gemerkt, dass ich extrem traurig werde. Mittlerweile weiß ich, dass es diese Trigger für mich gibt. Ich lerne immer noch damit umzugehen, aber es ist ein großer Schritt, diese Awarness zu haben, zu wissen, das es Trigger gibt, welche das sind und dann muss ich lernen, damit umzugehen.

Wenn jetzt „Can’t Hold Us“ von Macklemore läuft, was mein Übertrigger ist, da haben meine Geschwister und ich halt immer zu getanzt. Wenn der Song irgendwo läuft, dann lass ich das auch zu. Ich geb mir dann eine Minute, in der ich auch traurig sein darf, ziehe mich kurz zurück. Aber dann muss es auch weitergehen, ich bin froh, dass ich hier bin, ich bin dankbar für das, was ich habe.

Was können Triggerwarnungen bei Texten denn ausrichten?

Mir persönlich sind die relativ egal, denn ich hab kein Traumata, welches durch Gewalt ausgelöst wurde. Das muss ja das übelste sein, wenn da Flashbacks ausgelöst werden, wie bei häuslicher Gewalt zum Beispiel. Wenn dann da ein Video mit entsprechendem Inhalt postet, finde ich es extrem wichtig, dass man da eine Triggerwarnung raushaut. Das ist schon extrem sinnvoll. Gerade bei Plattformen wie Instagram, wo jedes Video einfach sofort abspielt, ob man will oder nicht.

War die Arbeit an dem Song für dich eher schwierig oder befreiend?

Bei dem Song war das befreiend. Bei bestimmten Stellen im Song bekomme ich nach wie vor Gänsehaut. Ich muss mich da echt bemühen, nicht vor Freude in Tränen auszubrechen, denn der Song ist ein Meilenstein, was ich erreicht habe. Es geht ja darum, dass man kämpft, dass man weiter machen kann, das man Kraft hat. Der Song behandelt, dass man durch eine schwere Phase gegangen ist und den Punkt erreicht, an dem man zurück zu sich selbst findet.

Mental Health hat sich doch stark in den Mittelpunkt in der Musik gerückt. Ist Kunst ein gutes Vehikel, mit diesem Thema umzugehen?

Wenn ich über meine eigenen Probleme gesprochen habe, ist es superschwer, das in Wort zu fassen. Und wofür man keine Worte findet, hat man die Musik. Man kann sich da super öffnen. Mental Health ist ein extremes Thema, mit vielen Höhen und vielen Tiefen. Das kann man in extremer Musik sehr gut verdeutlichen, mit Shouts, aber auch gefühlvollem Gesang.

Mental Health ist ein extremes Thema, mit vielen Höhen und vielen Tiefen.

Mental Health ist ja auch so ein breites Thema und so individuell, so dass jeder Künstler, jede Künstlerin da einen anderen Ansatz finden kann.

Man kann das überhaupt nicht verallgemeinern, es gibt so viele Facetten. Ich hab versucht, dass auch in den ganzen Texten des nächsten Albums zu verkörpern, so dass nicht jeder Song um PTBS oder Depressionen geht. Es geht auch um andere Angststörungen, die ich zum Teil selbst durchlebt habe, die ich aber auch bei anderen Menschen erlebt habe. Auch um deutlich zu machen, wie umfassend das Thema ist.

Jeder von uns hat glaub ich, Alben oder Songs, die uns durch schwere Zeiten gebracht haben. Aber was kann Musik leisten und ab welchem Punkt sollte man sich professionelle Hilfe holen?

Das ist eine gute Fragen. Nachdem ich nach dem Tod meiner Schwester in dieses tiefe Loch gefallen bin, da gab es Songs, die meinen Gefühlszustand genau widergespiegelt haben, das war zum Beispiel „Hereafter“ von Architects, unfassbare Lyrics. Es tut da einfach gut zu merken, es gibt Menschen, denen geht es genauso, man fühlt sich verstanden. Hilfe sollte man sich suchen, wenn man mit Musik alleine nicht weiterkommt. Man kann das nicht verallgemeinern.

Ich stand mal zu Hause allein vorm Spiegel, mir war immer ein wenig schwindelig, mir stand immer ein wenig Schweiß auf der Stirn, und da hab ich zu mir gesagt: Such dir Hilfe. Ich bin dann zu meinem Arzt gegangen und hab ihm meine Geschichte erzählt, der hat mir dann ne Nummer gegeben, bei der ich mich melden sollte und wurde dann an einen Psychologen vermittelt. Da kommt man dann erstmal in einer Beratung, also keine Therapie oder so. Und das war die beste Entscheidung, die ich in den letzten drei Jahren getroffen habe.

Wie siehst du Momentan das Thema in unserer Gesellschaft und in unserer Szene?

Ich bin echt stolz, ein Teil der Szene zu sein, und dass wir durch die Band an dem Thema mitwirken können. Man merkt, dass innerhalb der Szene die Ernsthaftigkeit des Themas Mental Health ganz oben steht. Man sieht keine Kommentare, die das runterspielen, man bekommt Support und da wird sich gegenseitig Kraft gewünscht. Da bekommt man Unterstützung, wo man sie gar nicht erwartet. In der Gesellschaft, im Berufsumfeld oder der älteren Bevölkerungsgruppe ist das eine andere Sache. Mein Vater wurde noch mit dem Bild, „Männer sind stark und zeigen keine Gefühle“ erzogen. Da ist das noch ein Tabuthema, da muss man noch mal ansetzen. Die erreicht man nicht mit Instagram oder TikTok. Und solange man sich nicht mit dem Thema beschäftigt, weiß man auch nicht, wie man sich fühlt.

Ich konnte das vorher auch gar nicht sagen, wie man sich mit einer Angststörung fühlt. Man kann es nicht wissen, wenn man es nie selbst durchlebt hat. Man sollte sich informieren. Ich fände es gut, wenn Mental Health schon in den Schulen behandelt würde, als Projektarbeit. In meiner Schulzeit gab es Projekte über irgendwelche Bauten in China. Was viel geiler wäre, wäre ne „Mental Health Woche“, wir informieren über Angststörungen, Depressionen und so.

Text: Dennis Müller

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