Stray From The Path und Counterparts lassen mich wieder an Hardcore glauben


Am Montag haben Stray From The Path und Counterparts eine kleine Show im Berliner Club Comet gespielt. Was auf den ersten Blick vielleicht wie ein etwas unscheinbares Konzert wirken mag, hat meinen Glauben an das wofür Hardcore steht wiederbelebt. Umso mehr freue ich mich, dass beide Gruppen bald mit neuen Alben am Start sind.


20150619_sftp_preorder_deObwohl Stray From The Path an diesem Abend der Headliner waren, hatte man mehr das Gefühl, dass zwei befreundete Bands einfach zusammen eine Show spielen wollen. Das ist umso beeindruckender als, dass beide Gruppen musikalisch ziemlich weit voneinander entfernt sind. Stray From The Path ist die Rache der vergessenen White Trash-Generation, die keinen Teil vom Kuchen will, sondern lieber auf die Torte pisst, damit niemand Anderes mehr davon essen kann. Counterparts hingegen ist der etwas schüchterne und introvertierte Nerd, der beim ersten Date verlegen auf den Boden schaut und irgendwie nicht klar kommt. Dementsprechend unterschiedlich klingen beide Bands am Ende des Tages dann auch.

Ich bin an diesem Abend zwar beruflich zum Konzert gefahren, jedoch hat mich auch mein „Fan-sein“ nach Berlin gezogen. Ganz persönlich halte ich Counterparts für DIE Melodic Hardcore-Band zur Zeit und Stray From The Path habe ich schon immer für ihren ständig angepissten und einzigartigen Sound gefeiert, der zwar an Rage Against The Machine angelehnt ist, jedoch noch viel mehr Hass transportiert. Da nimmt man gerne die vielen verlorenen Stunden auf der Autobahn hin und auch der Berliner Feierabendstau, der komplett aus Psychopathen mit Führerschein besteht, konnte meine Vorfreude an diesem Tag nicht trüben.

An diesem Abend waren ca. 240 Menschen in der Schulzimmer großen Location und damit war dieser Abend die erste Sold Out-Show auf der aktuellen Tour. Gute Voraussetzungen, jedoch muss ich sagen, dass meine Erwartungen an die Performance weit übertroffen wurden. Doch das war nicht einmal das wirklich Besondere an diesem Abend. Klar, beide Bands haben brutal abgerissen und man hat gemerkt, dass das Publikum heiß auf beide Gruppen war, doch einen Club abreißen, das können viele Bands. Was nur sehr wenige Bands können ist Atmosphäre zu schaffen und mich wirklich damit einzusaugen.

Man steht Schulter an Schulter in diesem winzigen Raum und plötzlich kommen Counterparts auf die Bühne. Eine Band, deren Frontmann vermutlich kaum einer auf der Straße erkennen würde. Die Jungs erinnern optisch eher an Maschinenbau-Drittsemester als an die Speerspitze des Melodic Hardcore. Genau an diesem Punkt habe ich wieder angefangen an Hardcore und seinen Zauber zu glauben. Kein Schnickschnack, kein Geschwafel von „Früher war alles besser, stay true!“ und auch keine seltsamen Attitüden. Einfach nur normale Jungs, die Musik für „socially awkward“ Kids machen, eben weil sie selber welche sind. Das mag pathetisch klingen, aber die Band zeigt, dass es ok ist ein wenig schrullig zu sein, nicht in die Gesellschaft zu passen und Probleme mit Gefühlen zu haben. Ihre Musik bietet ein Zuhause für Kids und genau das ist es, was ich im Hardcore in letzter Zeit schmerzlich vermisse.

20150602_counterparts_deStray From The Path sind natürlich ein vollkommen andere Band. Drew York ist ein Gesicht, was man durchaus kennt und ihr Sound ist eher blinde Wut, statt kanalisierten Emotionen. Doch auch diese Jungs haben es geschafft mich nachhaltig zu beeindruckend. Ihr Auftritt war der Wahnsinn, aber davon spreche ich gar nicht. Stray From The Path sind moderner In-die-Fresse-Punk und statt Probleme zu lösen, will man das was ist lieber in Flammen sehen. Doch die Band steht hier stellvertretend für eine ganze Generation von Menschen. Menschen die spüren, dass mit unserer Welt irgendwas falsch läuft und vor allem Menschen, die die Schnauze voll davon haben, dass sich nie etwas zu ändern scheint. Ich bin kein großer Freund von Wir-Gefühlen, aber an diesem Abend war ich gerne ein Teil von diesem Wir.
Hardcore heißt heutzutage alles zu hassen was neu ist und ständig nur in der Vergangenheit zu hängen. Kids die auf coole Outfits stehen machen Hardcore nicht kaputt. Ignorante Spinner, die sich gegen jede Entwicklung wehren machen Hardcore kaputt. Genau diese Menschen fangen an Andere auszuschließen, nur weil sie ihrem Verständnis von Szenezugehörigkeit nicht entsprechen. Leider scheint das heutzutage aber eher zum guten Ton zu gehören, doch an diesem besagten Abend war davon nichts zu spüren. Man konnte sein, wer immer man sein wollte, egal ob das nun hieß, dass man Blogger für Impericon ist oder ein 17-Jähriges schüchternes Mädchen, was endlich auf eine Show gehen kann, um dort im Pit das Leben zu spüren.

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Was will der Künstler uns damit sagen?

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