Warum Hinrichtungen von Drogenschmugglern nichts mit Straight Edge zu tun hat


In Indonesien wurden am 28.04. acht Menschen in Zusammenhang mit illegalem Drogenschmuggel hingerichtet. Bei einer weiteren Person wurde die Hinrichtung ausgesetzt, um nachfolgende Ermittlungen durchzuführen.

Dass Hinrichtungen im Jahr 2015 immer noch durchgeführt werden ist eine tragische Sache, einige Straight Edge-Anhänger scheinen das aber im Gegensatz zu mir ganz gut zu finden.

Besondere Aufmerksamkeit erhielten die beiden mittlerweile hingerichteten Australier Myuran Sukumaran und Andrew Chan. Durch die australischen Medien ging ein mittelschweres Echo mit vielen prominenten Persönlichkeiten, die für die Aussetzung der Todesstrafe plädierten. Sogar prominente Musiker wie Axl Rose, Tony Iommi (Black Sabbath) oder Barney Greenway (Napalm Death) wendeten sich an Indonesiens Präsidenten Joko Widodo. Falls ihr euch fragt, wieso sich Metal-Musiker an den Präsidenten von Indonesien wenden, dann schaut euch einfach mal dieses Foto von Widodo hier an:

Napalm Death. Fuck Yeah!

Napalm Death. Fuck Yeah!

Tendenziell könnte ich mir keinen besseren Staatsmann vorstellen als Einen, der nach 24 stündigen Verhandlungsgipfel Zuhause erstmal ordentlich Napalm Death aufdreht um zu APEX PREDATOR – EASY MEAT runterzukommen. Leider ist Widodo ein vehementer Verfechter der Todesstrafe und die indonesische Regierung beharrt weiterhin auf die Tötung eines Menschen bei schweren Drogendelikten wie Drogenschmuggel. Während Menschen weltweit protestierten und Mahnwachen abhielten, äußerten sich Teile der Straight Edge-Community, insbesondere aus dem Herkunftsland zweier Täter, Australien, recht positiv über die Vollstreckung des Urteils.

Ich picke mir einfach mal einen prominenten Vertreter der Szene: Michael Crafter, Frontmann der australischen Metalcore-Legenden Confession. Dieser äußerte sich auf seinen sozialen Kanälen als Befürworter des Urteils, unter anderem postete er auch folgendes Bild auf Instagram:

Bildschirmfoto 2015-04-30 um 13.30.09

Auf dem Shirt sind Sukumaran und Chan zu sehen, dazu der bekannte Slogan „Kill Your Local Drug Dealer“, der übrigens von der Straigth Edge Nazi-Band Total War stammt. Ich habe große Hochachtung vor Crafter, doch die Todesstrafe  hat mit dem Straight Edge-Gedanken genauso viel zu tun, wie sich einen alkoholgetränkten Tampon anal einzuführen, damit der Alkohol schneller ins Blut geht.

Dass Menschen, die mit illegalen Rauschmitteln dealen dafür auch bestraft werden müssen, steht außer Frage. Dabei rede ich nicht vom Gelegenheits-Weed-Ticker, der im Görlitzer Park liegt und nebenbei bisschen Gras tickt. Hierbei rede ich von Dealern, die Substanzen vertreiben, die Menschen in den finanziellen, körperlichen und psychischer Ruin treiben. Heroin, Ketamin, Crystal und so weiter. Mir ist zwar durchaus bewusst, dass Drogendealer oftmals eher ein Problem wirtschaftlicher Ausgrenzung sind, doch wer sich am Ende des Tages dazu entscheidet Gift zu verkaufen, muss eben auch mit Widerstand rechnen. Aber ist hier die Todesstrafe angebracht?

Nein, denn die Todesstrafe ist nie angebracht. Befürworter in der indonesischen Regierung argumentieren, dass das geschmuggelte Heroin für den Tod vieler Menschen verantwortlich sein würde, falls man es nicht entdeckt hätte. Daran knüpft man an und zieht die Schlussfolgerung, dass dementsprechend die Schmuggler/Dealer für den Tod dieser Menschen verantwortlich wären, was deren Tod rechtfertigt. Schon beim Schreiben dieser Sätze muss ich so laut mit den Zähnen knirschen, dass meine Kollegin im Büro schon einmal die Nummer eines guten Zahnarztes herausgesucht hat.

STRAIGHT EDGE

Ich liebe diese Memes

Diese Logik ist absoluter Bullshit, denn er nimmt vollkommen die Eigenverantwortung von Käufern aus der Argumentation heraus. Klar, jetzt kann man streiten, ob Minderjährige oder Junkies wirklich einvernehmlich handeln können. Jedoch wird mir jeder zustimmen, dass es einen großen Unterschied zwischen Mord und dem Verkauf von Drogen gibt, auch wenn der Kunde beim Konsum stirbt. Gleiches Beispiel mit den Produzenten von Waffen. Sie verdienen ihr Geld mit dem Elend und fachen es an, aber wirklicher Urheber ist jemand anderes. An sich eine einfache Differenzierung, scheinbar ist einigen sXe-Kids aber die Eddingfarbe, mit der sie ein X auf ihren Handrücken gemalt haben, zu Kopf gestiegen und hat so zu einem Totalausfall geführt.

Selbst wenn ihr die letzten zwei Abschnitte vergessen würdet: Für die Todesstrafe einzustehen zeugt von einem sehr rückständigen Rechtsverständnis. Dieses juristische „Instrument“ stammt aus den dunkelsten Zeiten der Menschheitsgeschichte und hat aus unerfindlichen Gründen bis heute überlebt. Zu Glauben, dass Menschen bzw. eine von Menschen geschaffene Institution jemals über die Macht verfügen sollte zu entscheiden, ob ein Individuum leben darf oder nicht, hat in einer modernen aufgeklärten Gesellschaft nichts zu suchen. Ich kann verstehen, dass das nicht jedem einleuchten mag, vor allem bei besonders schwerwiegenden Verbrechen, wo selbst der gesündeste Menschenverstand nach Rache schreit. Doch wir wollen uns in eine gerechtere Gesellschaft entwickeln und da muss man einfach akzeptieren, dass wir selbst nicht dazu in der Lage sind moralisch richtig handeln zu können, wenn wir darüber entscheiden, ob ein Mensch leben oder sterben darf.

Für mich ist der letzte Punkt auch ein fundamentaler Bestandteil von Straight Edge. Ich glaube, dass Drogen unsere Gesellschaft nachhaltig schaden. Genau deshalb nehme ich sie nicht, um meinen Teil dazu beizutragen, irgendwann in einer besseren Welt zu leben. Wenn ich hier aber gleichzeitig für die Todesstrafe bin, dann fordere ich eigentlich einen Rückschritt in eine Zeit, wo der Mob aus dem Dorf noch mit Fackeln losgezogen ist, um die Gerechtigkeit selbst in die Hand zu nehmen.

Überzeugungen wie sXe sind in meinen Augen extrem wichtig. Doch gerade bei solchen sehr fundamentalen Überzeugungen ist eine ständige Reflektion unabdingbar. Mitglieder von Bands wie Rise Against, Stick To Your Guns und A Day To Remember leben es vor.

 

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