SPotify

Warum ich einen großen Bogen um Spotify mache


Ich zähle meine Schritte, tracke meinen Schlaf und habe eine App, die mich nervt, wenn ich zu wenig getrunken habe. Man könnte durchaus sagen, dass, wenn es um moderne Mobilfunk- und Internettechnologie geht, ich zu den Early Adoptern gehöre. Doch zwei Dinge sind bisher irgendwie an mir vorbeigegangen: Online-Banking und Spotify.

11407238_10153966352044966_8367105584201529787_n-300x3001Jeden Monatsanfang gehe ich in die Sparkasse und fülle brav meinen Überweisungsträger für die Miete aus. Allein durch mein Betreten des Warteraums sackt der Altersdurchschnitt um gute 40 Jahre ab und so riecht es auch in jeder Sparkasse am Monatsanfang nach einer interessanten Mischung aus Tod und Kernseife. Mittlerweile halte ich diese Marotte geheim, falls dann aber dennoch jemand erfährt, dass ich noch ganz altmodische Überweisungen einwerfe, dann werde ich mit einer Mischung aus Entsetzen, Unverständnis und Mitleid belächelt. So ähnlich schaut man auch Leute an, die Barfuß durch die Stadt laufen, weil das so viel natürlicher und gesünder ist.

Die Tatsache, dass ich im Jahr 2015 nicht nur Online-Banking kategorisch ablehne, sondern auch einen großen Bogen um Spotify mache, trägt nicht unbedingt dazu bei, dass ich weniger schrullig wirke. Während ich mein Misstrauen gegenüber Online-Banking nicht wirklich rational erklären kann, weiß ich sehr wohl, wieso ich die gute alte Vinyl oder CD dem modernen Streaming vorziehe:

Spotify ist keine Option für unterwegs

Ganz nüchtern betrachtet ist Spotify ziemlich unpraktisch. Die komplette Musikbibliothek ist vom eigenen WiFi abhängig und sobald dieses ausfällt, oder nicht vorhanden ist, war es das dann auch mit der Musik. Durch Instagram, Facebook, Tinder, Grindr, WhatsApp und Co. ist mein Datenvolumen ungefähr 3 Stunden nach Monatsbeginn aufgebraucht und insgesamt habe ich schon mehr Erinnerungs-SMS von O2 erhalten als von mir nah stehenden Familienmitgliedern. Würde ich jetzt noch Musik unterwegs streamen, dann wäre das der totale Overkill. (Ja, ich weiß, dass man Musik auch offline speichern kann, aber hat man wirklich nerv dazu, im Vorfeld immer die Musik herauszusuchen, die man heute unterwegs hören will?)

Spotify lässt Künstler verhungern

Aber mal angenommen, ihr wohnt direkt über einer veganen Dönerbude und könnt so im Prinzip mehrere Monate überleben, ohne, dass ihr euer heimisches WiFi-Netzwerk verlassen müsst. Dann besteht immer noch das Problem, dass Spotify brutale Abzocke am Künstler ist. Zwar ist es schon eine ziemliche Frechheit was bei einer verkauften CD oder Schallplatte noch beim Musiker hängen bleibt, doch die Royalities (Lizenzgebühren) die Spotify an Bands zahlt, finden vermutlich sogar Lebensmittelspekulanten etwas unverschämt. Ich will das jetzt zahlenmäßig nicht genau auflisten, aber im Prinzip ist der einzige Grund, wieso Labels überhaupt Deals mit Streamingdiensten eingehen der, dass sie froh sind, wenn sie heutzutage überhaupt irgendwas bekommen.

Bildschirmfoto 2015-06-19 um 21.37.59

Eine eigene Musikbibliothek ist unschlagbar

Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Spotify-Hörer noch schlimmer sind als Leute, die Alben illegal aus dem Netz ziehen. Raubkopierer sind sich durchaus bewusst, dass sie etwas Falsches tun. Leute, die Spotify und Co. hören, glauben aber, dass sie alles richtig machen und Musiker sogar unterstützen. Das ist ein bisschen wie bei Primark kaufen und dann sagen, dass man durch seinen Einkauf Menschen in Bangladesh den Arbeitsplatz gesichert hat. Glaubt ihr wirklich, dass die Menge der von euch konsumierten Musik im Monat lediglich 10 Euro wert ist (falls ihr einen Premium-Account besitzt)?

Prinz Pi hat die aktuelle Situation schon 2008 mit dem Song „2030“ (Neopunk) sehr gut mit folgender Songzeile beschrieben:

Die Kinder sagen: Jeder weiß, dass Musik was digitales ist.

Musik ist nicht digital

Da haben wir die Wurzel des Übels. Musik ist nichts digitales, Musik wird per Hand von Menschen geschaffen und lediglich digital übertragen. Genau das ist auch der Grund, wieso ich Musik besitzen will und nicht nur auf irgendeine Cloud zugreifen will, wo Lizenzen von Songs rumschwirren, die ich dann hören darf. Schon die Erfindung von mp3 hat dazu geführt, dass unsere Musikbibliotheken unermesslich überfüllt sind. Ich allein besitze 86,39 GB Musik, was vollkommen absurd ist, da ich vermutlich gerade mal einen Bruchteil wirklich regelmäßig höre. Manche Alben versauern komplett ungehört auf meiner Festplatte. So habe ich noch die fast komplette Diskografie von Deicide und Death hier rumlungern, die (größtenteils) noch jungfräulich in iTunes schlummern. Durch die Digitalisierung haben wir ein wenig die Wertschätzung verloren und geraten in eine blinde Sammelwut (Sehr zum Leidwesen meines Kontos).

Spotify nimmt dies als Ausgangssituation, gießt dabei noch einmal Öl und Crystal Meth ins Feuer und sieht dann zu, wie unser Medienkonsum ADHS-Züge annimmt. Auf Spotify könnte ich mich rein theoretisch durch die gesamte Metal-Geschichte hören, zwischendurch zu Helene Fischer und Scooter entspannen, um dann vor dem Schlafen gehen nochmal die volle Dröhnung Black Metal durch die Boxen zu jagen. Dabei passiert vor allem eins: Man hört auf Musik als Musik wertzuschätzen.

Was ist schon ein einziges Album wert, wenn mir im Prinzip alle Alben der Welt zur Verfügung stehen? Genau diese fehlende Wertschätzung sorgt dafür, dass wir Musiker nur noch als Unterhaltungsmarionetten sehen, die den Soundtrack für unsere Spotify-Playlisten liefern. Bleibe ich jedoch bei CDs und Vinyls, dann sorgt allein die Tatsache, dass ich dafür direkt Geld ausgegeben habe, dass ich das einzelne Werk wirklich wertschätze. Ich höre es mir an, platziere es irgendwann im Plattenregal und krame es aus nostalgischen Gründen irgendwann mal wieder hervor.

Klar ist Spotify nicht grundlegend falsch. Ich finde das System cool, um neue Musik zu entdecken und einfach mal eine Playlist laufen zu lassen, wenn man keine Lust hat Musik selbst herauszusuchen. Jedoch sollte es nicht die eigene Musikbibliothek ersetzen, denn die physische CD/Vinyl ist immer noch der beste Weg, nicht zu vergessen, dass Musik nicht einfach so aus dem Internet kommt.

 

 

 

Kommentare